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Stefanie Pionke zu Bauer Willi

Dem Verbraucher die moderne Landwirtschaft kommunizieren – möglichst ohne Schnörkel und Idylle. Daran beißt sich die Agrarwirtschaft seit Jahren die Zähne aus. Verbände gründen einen Unterverband, der diese unliebsame Aufgabe übernehmen soll. Schweinemobile touren durch die Republik. Weder Kosten noch Mühen werden gespart, um der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit Gehör zu schaffen. Die riesige Resonanz ist bislang allerdings ausgeblieben. Nun zieht ein Erzeuger vom Niederrhein die mediale Aufmerksamkeit auf sich, von der manch einer in der Branche träumen mag – mit nichts weiter als einer Webseite, einem Facebook-Account und Publikumsbeschimpfung im besten Sinne: Bauer Willi ist auf dem besten Weg, viral zu werden.

Sein Brandbrief „Lieber Verbraucher“ brachte dem Agraringenieur aus dem Landkreis Neuss jede Menge Facebook-Fans und Medienresonanz vom Deutschlandfunk über den WDR bis hin zu Stern und Rheinischer Post. Geradeheraus prangert er das scheinheilige Einkaufsverhalten vieler Konsumenten an: „Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig. Und dann auch noch Ansprüche stellen! Deine Lebensmittel soll genfrei, glutenfrei, lactosefrei, cholesterinfrei, kalorienarm (oder doch besser kalorienfrei?) sein, möglichst nicht gedüngt und wenn, dann organisch“, ätzt Willi auf seiner Webseite bauerwilli.com. „Du hast keine Ahnung und davon ganz viel. Ist dir eigentlich bewusst, dass wir Landwirte von unserer Hände Arbeit leben müssen?[…] Erkläre du mir mal, wie ich anders reagieren kann, als mit noch mehr ausgefeilter Technik einen noch höheren Naturalertrag zu erwirtschaften“, schleudert das Internet-Phänomen unter den Landwirten seinem Leser entgegen.

So eine Publikumsbeschimpfung würden sich die einschlägigen Berufsverbände wohl in 100 Jahren nicht wagen, auch wenn sie Bauer Willi hinter vorgehaltener Hand rechtgeben dürften. Man müsse Verständnis wecken für die moderne Landwirtschaft, auf eine nette und vor allem sachliche Weise, heißt die bisher ausgegebene Losung.

Nun mag Bauer Willi in seiner Verbraucheransprache Vieles sein – sachlich aber ist er nicht. Und trotzdem – oder gerade deshalb – gelingt ihm das, was PR-Strategen ein Glanzstück nennen dürften: Er wird gehört, verleiht der Landwirtschaft eine im Ton unsachliche, weil emotionale Stimme und gibt dabei auf provokante wie unterhaltsame Weise Fachwissen weiter. Denn wenn er dem Verbraucher in einem seiner jüngsten Beiträge – Lieber Verbraucher, mach es doch selbst! – auf verärgerte und unterhaltsame Weise erklärt, wie Landwirtschaft funktioniert, hat er womöglich mehr erreicht als der x-te Erlebnisbauernhof auf der Grünen Woche oder die millionenfache Wiederholung des Mantras, nach dem die deutschen Landwirte einen signifikanten Beitrag zur Welternährung leisten.

Willis Frust ist echt. Als Experte auf seinem Gebiet sieht er sich zunehmend der Kritik einer Öffentlichkeit ausgesetzt, die sein Expertenwissen mehrheitlich nicht teilen dürfte. Willi hält dagegen und verteidigt seinen Berufsstand mit Leib und Seele – und das spürt man mit jeder Zeile. Gerade in dieser Authentizität liegt sein Erfolgsrezept.

Fraglich bleibt jedoch, wie und ob er die öffentliche Debatte um die Landwirtschaft und ihre mutmaßlich negativen Auswüchse überhaupt beeinflussen wird. Zwischenzeitlich machte der virale Bauer nämlich die Erfahrung, dass zwar schnell mal 100.000-fach 'geliked' wird auf Facebook - aber Appelle an eine Änderung des Verhaltens der Verbraucher scheinbar ungehört verpuffen.

So rief Willi seine Kritiker an dem von ihm zum 'Dialogtag' ausgerufenen Valentinstag am Samstag, 14. Februar auf, im Hofladen statt im Supermarkt einkaufen zu gehen und dem Landwirt hinter der Ladentheke Löcher in den Bauch zu fragen. Doch kaum einer der an der Produktionsweise der Landwirtschaft ach so interessierten Verbraucher konnte sich offenbar dazu aufraffen.

Ist es schlichte Faulheit? Oder hat Bauer Willi einfach unterschätzt, dass Zeit im Allgemeinen - und Freizeit im Besonderen - ein knappes Gut ist? Übrigens liegt darin auch der Grund, dass der Absatz von Fast- und Convenience-Food - Lebensmittel, die übrigens 'voll von' allem möglichen wie ungesättigten Fettsäuren und Geschmacksverstärkern sind - steigt. Wer da dem Ausflug zum Landwirt und seinem Hofladen den Vorzug gegenüber dem Sofa, dem Besuch auf dem Spielplatz oder bei Freunden, der ist ein echter Überzeugungstäter - und nicht nur ein pseudo-engagierter 'Klicker' im Internet. 

Willi hat diese Erfahrung den Spaß an seiner provokanten Öffentlichkeitsarbeit für die Bauernzunft offenbar nicht verleidet. Bisweilen mehrmals täglich, lässt er die Netzgemeinde an dem Leben eines deutschen Durchschnittslandwirts teilhaben: Auslassungen zur Sachkundeausweis-Pflanzenschutz-Scheckkarte fehlen ebenso wenig wie Fragen zum Greening an den nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsminister Johannes Remmel.

Wenn man Bauer Willi überhaupt kritisieren möchte, dann höchstens in diesem Punkt: Auf seiner Homepage blitzt sein Konterfeit vor einer idyllisch anmutenden Weidelandschaft auf. Bauer Willi, ist Dir da nichts Provokanteres eingefallen?
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