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Horst Hermannsen zum Auslaufen der Milchquote

Nach viel zu langer Zeit wird endlich das unsägliche Quotensystem auf den Abfallhaufen agrargeschichtlicher Kuriositäten geworfen. Genau 31 Jahre hat die EU strikt festgelegt, welcher Landwirt wie viel produzieren darf. Wollte ein Bauer mehr Milch liefern, musste er sich von einem anderen Landwirt für viel Geld weitere Quotenanteile besorgen. Andernfalls drohten ihm Strafzahlungen.

Mit anderen Worten: Damit ein Milchbauer überhaupt produktiv sein durfte, musste er erst einmal Geld bezahlen. Das System hat unter anderem Sofamelkern ein sorgenfreies Leben beschert. Sie sahen in der Quote eine attraktive Ausstiegsprämie. Andere sahen darin einen Vermögenstransfer vom fleißigen Unternehmer hin zum Faulpelz.

Als die EU - auf Druck des damaligen deutschen Landwirtschaftsministers Ignaz Kiechle - dieses System 1984 einführte, reagierte sie auf gewaltige Überschüsse, die Milchpulverhalden und Butterberge hatten entstehen lassen. Aber trotz scharfer Eingriffe in den Markt und in einzelbetriebliche Entscheidungen wurde das Ziel einer dauerhaften Stabilisierung des Milchpreises verfehlt. Darüber hinaus setzte sich der Strukturwandel in der Landwirtschaft ungebremst fort: Seit Inkrafttreten der Milchquote haben drei von vier Milcherzeugern aufgegeben.

Gottlob, möchte man angesichts des enormen technischen und biologischen Produktivitätsfortschritts in den Ställen ausrufen. Man stelle sich nur einmal vor, in Westdeutschland gäbe es heute noch eine Agrarstruktur wie vor 31 Jahren. Die Bauern würden sich vermutlich gegenseitig in den Milchkannen ersäufen. Übrigens hat das Referenzsystem nicht einmal die Krise 2008/09 verhindern können. Man erinnert sich: Vor allem die Europameister im Quotenüberschreiten – also die deutschen Bauern – erzeugten so viel Milch, dass die Preise einbrachen und sie die Milch medienwirksam wegschütteten. Damals wurde auch deutlich, in welch privilegierter Situation sich Milchbauern befinden. Sie dürften wohl die einzigen Unternehmer sein, die vor laufenden Fernsehkameras ihre eigene Kundschaft, also Molkereien und Lebensmittelhändler beschimpfen können. Genützt hat ihnen dieser Mumpitz freilich nichts. Der Milchpreis erholte sich erst nach der Finanzkrise, als die Weltwirtschaft wieder Fahrt aufnahm und sich die Nachfrage in den Schwellenländern belebte.

Zuvor schon hatte Brüssel endlich erkannt, dass staatliche Produktionsbegrenzungen auf der einen Seite und freier Welthandel auf der anderen nicht vereinbar sind. Die Quote kostet Europas Landwirte Milliardenbeträge; Geld, das Konkurrenten aus anderen Ländern nicht bezahlen müssen, sodass diese auf dem Weltmarkt im Vorteil sind. Die hiesigen Milcherzeuger sind aber auf den internationalen Markt angewiesen. Deshalb wirken auch aktuelle Forderungen nach einem wirksamen EU-Außenschutz wenig durchdacht. Drittländer würden sich ebenfalls etwas einfallen lassen, um europäische Produkte von ihrem Markt fernzuhalten. Die Folgen wären verheerend für Europas Wirtschaft. Zukunftsorientierte Milchbauern sollten deshalb auf ihre Leistungsfähigkeit, auf ihr Können vertrauen. OECD und Weltagrarorganisation FAO sind überzeugt, dass die Nachfrage nach Milchprodukten in den kommenden Jahrzehnten weltweit zunimmt. Europas Landwirte müssen die Chance haben, darauf zu reagieren. Einfach zu beschließen, dass man nicht wachsen will, wie einige Milchbauern das offenbar gern hätten, kann sich nur einer leisten, der demnächst aussteigen will. Denn eines ist klar: Die Produktionskosten werden in jedem Fall steigen. Wem es nicht gelingt, seinen Umsatz zu erhöhen, erwirtschaftet immer weniger Einkommen.
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