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Stefanie Pionke zur bullischen Phase an den Agrarmärkten

Marktteilnehmer, die fallende Weizenpreise zumindest theoretisch für möglich halten, sind derzeit schwer zu finden. Das Angebot sei weltweit knapp, „Blacksea“ falle als Billigheimer im globalen Handel aus, und Europa muss Weizen in Richtung Drittland verladen, den es eigentlich gar nicht auf der hohen Kante habe. Die Argumente der Bullen sind stets die gleichen. Die Prognosen anerkannter internationaler Analysten geben ihnen reichlich Futter. Zart sind dagegen die Stimmen derjenigen Händler, die sich eine entscheidende Frage stellen: Ist es ein schlechtes Zeichen, das alle, und wirklich alle im Markt, in die gleiche Richtung, nämlich nach oben, marschieren? Droht der jähe Absturz nach der Dienstmädchen-Hausse?

Geprägt wurde der despektierliche Begriff der Dienstmädchen-Hausse, als vor der Weltwirtschaftskrise Ender der 1920er-Jahre Kleinanleger wie Hausangestellte, die eigentlich gar nichts mit Finanzmärkten zu tun hatten, Aktien kauften, um von der Hochpreisphase an den Börsen zu profitieren. Versiertere Investoren hielten es für geboten, ihre Titel abzustoßen. Denn: Die Laien-Spekulanten könnten Kursstürze auslösen, wenn sie sich bei vermeintlich schlechten Nachrichten panikartig von ihren Aktien trennen würden, lautete die Befürchtung. Der „Schwarze Freitag“ im Oktober 1929, als der Kursrutsch an der New Yorker Börse die Weltwirtschaftskrise auslöste, sollte ihnen im Nachhinein Recht geben.

Eines schon mal vorweg: „Dienstmädchen" sind in den Agrarrohstoffmärkten seltener unterwegs. Nur Profis dürfen direkt auf diese „hoch spekulative" Anlage setzen. Der Hobby-Anleger mit seinem Freizeit-Depot kann nicht ohne vorherigen Kompetenzausweis direkt in Weizen-, Mais-, Rapssaat- oder Sojafutures investieren. Eine Dienstmädchen-Hausse im engeren Sinne steht also nicht zu befürchten.

Und tatsächlich sind unter den Fundamentaldaten am Weizen-, Mais- oder Sojamarkt derzeit allenfalls mit großen Anstrengungen Argumente zu finden, die für ein deutliches Nachgeben der Kurse außerhalb der in diesen Tagen viel bemühten „Seitwärtsbewegung“ von 5 Euro in die eine und 5 Euro in die andere Richtung sprechen.

Australiens vermeintliche Rekord-Weizenernte verdörrt. Russland und die Ukraine werden sich – vorausgesetzt, die Statistiken stimmen und kein Offizieller dort zaubert überraschend Überhangbestände in Millionenhöhe aus dem Hut – eher früher als später im Export verausgabt haben. Die prognostizierte Nachfragerationierung an den globalen Getreide- und Ölsaatenmärkten, welche die Versorgungsbilanzen des US-Agrarministeriums USDA zumindest auf dem Papier rettet, ist möglicherweise nur graue Theorie.

Um zusammenzufassen: An preisliches Abwärtspotenzial glaubt derzeit keiner, und das mit gutem Grund. Dass jedes bullische Argument – sei es noch so dünn – von vielen Marktteilnehmern gierig aufgesaugt wird, sollte dennoch zumindest vorsichtig stimmen. Denn: Regenfälle in Argentinien und Brasilien zerstören zum jetzigen Zeitpunkt nicht notwendiger Weise jede Hoffnung auf Rekord-Sojaernten. Und Australien sitzt – auch wenn es nur 20 oder 22 statt der ursprünglich geschätzten 26 Millionen Tonnen Weizen erntet – auf großzügigen Vorräten aus dem Rekord-Vorjahr.

Rekord-Ernten hier, Jahrhundert-Dürre dort – vielleicht berauscht sich der Agrarmarkt auch allgemein einfach gerne an Superlativen? Und manch ein Schreiberling gibt dem Affen Zucker, in dem er oder sie ein „Ein-Wochen-Tief“, „Zwei-Wochen-Hoch“ oder „Tages-Tief“ auf das nächste folgen lässt.

Bei all dem gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Denn: Wer will künftig auf „Ein-Stunden-Hochs“ oder „Fünf-Minuten-Tiefs“ reagieren? Das können ohnehin nur die Hochfrequenz-Computer, die weniger in den Büros der Erfasser, Müllern oder Biokraftstoffhersteller stehen als bei – richtig – den wirklichen Profi-Anlegern, den Fonds, Institutionellen oder schlicht Spekulanten.
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