Dr. Jürgen Struck zu biobasierten Rohstoffen

Ist das nun tatsächlich der Beginn einer neuen Ära - oder handelt es sich um eine Pflichtveranstaltung zur Demonstration eines politischen Willens? Unmittelbar vor dem in dieser Woche in Berlin stattfindenden zweitägigen Weltgipfel zur Bioökonomie wurde noch rasch eine weitere Konferenz zum Thema „Innovative biobasierte Produkte" organisiert. 

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Das Treffen kam zustande in Fortführung des im Sommer 2015 auf Schloss Elmau stattgefundenen G-7-Gipfels, auf welchem unter anderem die „Decarbonisierung", also der Ausstieg aus einer kohlenstoffbasierten Wirtschaft angekündigt wurde. Somit sollen Umrisse einer zunehmend „Grünen Wirtschaft" erkennbar werden. Beteiligen wollen sich zunächst die G-7-Länder USA, Kanada, Frankreich, Italien, Großbritannien, Japan und schließlich Deutschland.

Doch was kann dieses Vorhaben grundsätzlich bedeuten und welche Konsequenzen könnte dies für den Agrarsektor weltweit haben? Auf den ersten Blick lassen sich hieraus große Chancen für die Agrarwirtschaft ableiten. Zwar ist noch nicht genau bekannt, wie dies geschehen könnte. Aber genau aus diesem Grunde finden ja derartige Treffen statt - "Gut, dass wir darüber reden". Interessant sind denn auch die Herangehensweisen der verschiedenen Länder an dieses Projekt. Eine klare Zielrichtung klingt aus den Ausführungen des Vertreters der USA. Energie und Jobs und nochmals Jobs sollen aus den grünen Rohstoffen entstehen. Die Agrarwirtschaft kann Zuversicht zeigen, denn sie wird in der Bereitstellung der Rohstoffe sicher eine wichtige Rolle spielen. Auch Kanada zeigt Wege auf. Hier sollen in großem Stil Ressourcen aus den Wäldern und auch der Agrarwirtschaft genutzt werden. Der Einsatz großer Technik ist Bestandteil des Projekts.

Nicht ganz so klar erscheint die Zielrichtung in Europa und Japan. Sowohl die Vertreter Frankreichs wie auch Italiens wollen sicher zum Vorteil der Agrarwirtschaft handeln. Wie dies geschehen kann, bleibt offen. Ein Vertreter aus Großbritannien nahm an der Veranstaltung nicht teil. Ja, und Japan setzt auf die Verwertung organischer Reste. Nach einem großen Wurf klingt das bisher noch nicht.

Und Deutschland? Begriffe wie „Biobasierte Rohstoffe" oder „Green Economy" wirken hierzulande elektrisierend. Besonders aus Behörden wie dem Umweltministerium oder dem Umweltbundesamt schallen sofort laute Rufe, alles bisher Dagewesene besser zu machen. Die Rettung der Welt bedarf unter Umständen auch gewisser Opfer. So gab der deutsche Vertreter aus dem Bundesumweltministerium (BMU) auf die Frage nach der Rolle des Agrarsektors in der biobasierten Wirtschaft sogleich den Hinweis, dass zunächst auch „ökosystemare Prüfungen" der Landwirtschaft in Deutschland erfolgen werden. Dies muss aufhorchen lassen. Denn in Deutschland besteht der unübersehbare Trend, die Agrarwirtschaft weniger als Wirtschaftsfaktor, sondern lieber als Umweltbelastung zu betrachten, die es zu vermindern gilt.

Die Nutzung biobasierter Rohstoffe ist ein wichtiges und lohnendes Projekt. Auch die internationale Kooperation ist ein absolut sinnvoller Ansatz. Doch sollte der gesamte organisierte Agrarsektor in Deutschland darauf achten, sich frühzeitig und mit Nachdruck in das Projekt einzubringen und seine Interessen bis in die höchsten Kreise zu vertreten. Sonst läuft er Gefahr, von der „Grünen Wirtschaft" überrollt zu werden und sich in neuen Restriktionen zu verfangen. Bisher jedenfalls ist die Aussicht noch sehr diffus.
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