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Katja Bongardt zum Jahr des Bodens

Bei manchen Dingen ist es ja so: Man vermisst sie erst, wenn sie nicht mehr da sind. Meerschweinchen zum Beispiel. Obwohl Kinder nach dem Verfliegen der Anfangseuphorie die Karotten meist nur noch emotionslos in den Käfig schieben, können Meerschweinchen nach ihrem Ableben erstaunlich starke Trauergefühle auslösen.

Derzeit sterben die Böden. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir uns seit 343 Tagen im „Jahr des Bodens“ befinden und am 5. Dezember auch noch der „Tag des Bodens“ zelebriert wurde. Das löst Trauer aus. Die Pressemitteilungen mit Appellen zum Schutz der Ressource Boden flattern zum Jahresende nur so herein. Befänden wir uns jetzt zufällig im Jahr des Waldes, müsste man ernsthaft anmerken, dass der Verzicht auf all diese zu Papier gebrachten Mitteilungen einer ganzen Menge Bäume das Leben gerettet hätte. Das wäre doch schon etwas.

Aber zurück zum Boden. Alle Aufrufe zu seiner Rettung sind leider so fruchtbar wie die Ernennung der Mantelschnecke zum Weichtier des Jahres 2015 – nämlich ohne Erfolg.

Woran liegt es? Denn die Aufrufe haben ja Recht. Egal, ob um die Intensität der Nutzung (Öko gegen Konventionell) oder um die Art der Nutzung (Bauwirtschaft gegen Landwirtschaft) gestritten wird: Immer geht es darum, wie wertvoll Boden ist.

Diejenigen Personen, die von ihrer Definition her für zwei Lager gleichzeitig zuständig sind, könnten vielleicht eine Antwort geben. Marlene Mortler zum Beispiel, sowohl agrar- als auch baupolitische Sprecherin der CSU, ist an dem Thema besonders nah dran. Ihr Ausweg lautet Schutzklausel für Agrarflächen bei gleichzeitiger Förderung der Innenentwicklung von Städten. Boden sei nicht nur ein Querschnitts-, sondern auch ein Überlebensthema. Da könne man nicht immer den leichtesten Weg gehen.

Nur leider ist derzeit kein Weg erkennbar. Baugebiet hier, Straße dort: Die Zahlen sprechen für sich. Mit einer Versiegelungsleistung von immer noch rund 74 ha pro Tag ist abzusehen, wohin das langfristig führen wird. Das ist einfach zu viel.

Woher aber kommt die Ignoranz? Liegt es daran, dass wir den Boden in der Regel nur mit Füßen treten, ihn eher als Dreck am Stiefel, denn als überlebensnotwendige Ressource wahrnehmen, weil wir ihn so selten (da unterirdisch) in all seiner Pracht zu sehen bekommen? Nein. Denn auch die Sichtbarkeit der Meerschweinchen hat ja vor Ignoranz nicht geschützt.

Wir gehen wahrscheinlich so großzügig mit Boden um, weil er eben immer noch so gut funktioniert. Er liefert einerseits zuverlässig Ernteerträge. Momentan sogar mehr, als so manchem Verkäufer lieb ist. Und andererseits lässt sich sein Wert problemlos verhundertfachen, wenn er zum Bauland wird. Und deshalb kommt hier der pessimistische Schluss, dass wir Boden erst dann wirklich wertschätzen werden, wenn es ihn nicht mehr gibt, sprich: Wenn er zu Wüste geworden ist - oder eben zum Einfamilienhaus.

Am Tod der Meerschweinchen lässt sich Kindern unmittelbar der Kreislauf des Lebens erklären. Beim Sterben der Böden bleibt heute nur eines festzuhalten: Schön, dass wir mal wieder darüber gesprochen haben.
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