Dr. Jürgen Struck zum Dialog mit der Öffentlichkeit

--
Wie sag ich es den anderen? Eine Frage, die den Agrarsektor seit langer Zeit und immer wieder beschäftigt. Die anderen, das sind alle jene außerhalb der eigenen, untereinander vertrauten und gut vernetzten Agrar-Community.

Hier weiß (fast) jeder, dass Kühe gern Heu fressen, aber auch Kraftfutter, dass sie ein Kalb bekommen müssen, um Milch zu geben, und Schweine auch gern in Gruppen eng aneinander geschmiegt in der Bucht liegen und überwiegend zufrieden ruhen. Die Behandlung von Pflanzen mit Pflanzenschutzmitteln sichert die Erträge, und Geld verdient werden muss in allen Betriebszweigen. So weit, so gut. 

Doch im direkten Kontakt mit außerhalb der Branche stehenden Personen oder Gruppen kommt es regelmäßig zu Störungen in der Kommunikation. Man bewegt sich auf verschiedenen Ebenen, sowohl emotional als auch begrifflich. Wie auch andere Bereiche des Lebens, hat die Agrarwirtschaft auf vielen Gebieten ihre eigenen Termini, in vielen Fällen haben diese ihre ganz eigene Tradition. So kann davon ausgegangen werden, dass unter dem zuvor erwähnten Begriff „Bucht“ der Medienvertreter oder Verbraucher etwas völlig anderes versteht als ein Schweinehalter.  
 
Ein eindrucksvolles Beispiel für Hindernisse in der Kommunikation lieferte die im Januar 2015 für die Hauptstadt- und Tagespresse durchgeführte Konferenz zum Auftakt der „Initiative Tierwohl“ der Wirtschaft. Dazu sei gleich an dieser Stelle angemerkt, dass die Pressekonferenz völlig unkritisch verlief, das Projekt stößt auf wohlwollende Aufmerksamkeit. Offenbar ist allein der Begriff „Tierwohl“ geeignet, positive Assoziationen bei den Medienvertretern auszulösen und kritische Überlegungen in den Hintergrund treten zu lassen. Gegen ein Mehr an Wohl der Tiere hat niemand Einwände. Und sollte es ein wenig mehr Geld kosten - akzeptiert.
 
Doch im Detail wurden Schwierigkeiten erkennbar. Besonders in den Kriterienkatalogen für Tierhalter der Initiative stecken viele Stolpersteine. So soll ein zusätzliches Angebot von „Raufutter“ das Tierwohl verbessern. „Was ist denn das nun wieder?“, so eine Fragerin.  "Woher soll ich wissen, was Raufutter ist?", fuhr sie fort.  Die Korrespondentin einer bekannten überregionalen Zeitung aus Frankfurt twitterte mit leichten Anzeichen der Resignation „Ich verstehe unsere Landwirte nicht mehr“. Besonders schwierig wurde es, als der sperrige Begriff der „Nämlichkeit“ ins Spiel kam. Der Begriff findet vorwiegend beim Zoll Verwendung, um Waren zu differenzieren, die identisch sind. Im Zusammenhang mit Tierwohl verursacht er auch beim landwirtschaftlichen Publikum fragende Blicke.
 
Was lernen wir daraus: Mach’ es allen Zuhörern möglichst leicht - das ist das Schwierige in der Kommunikation - besonders mit Außenstehenden. Vielleicht herrscht in Fachkreisen die Furcht, dass bei zu simplen Darstellungen sich die Zuhörer unterschätzt fühlen und unwirsch reagieren. Das ist nachvollziehbar. Doch erleben wir täglich, dass simple Botschaften große Wirkung zeigen – und seien sie auch verkürzt oder sogar falsch.

Fazit:  Mehr Mut zur Einfachheit kann helfen. Die Zuhörer können das vertragen - ja häufig erwarten sie es sogar.
 
stats