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Peter Seeger über die neue Zulassungspraxis für Pflanzenschutzmittel

Der Frühling tobt. In den wärmeren Lagen ist der Raps schon in der Blüte. Die Landwirte sind fleißig unterwegs, die Pflanzenbestände zu hegen und zu pflegen. Schon in den Winterversammlungen und nun auch bei den Beratungen auf dem Feld wird jedem Landwirt jedoch eine Tatsache immer bewusster: Die Anzahl der zur Verfügung stehenden Pflanzenschutzmittel geht rasant zurück. Und dies bei steigendem Resistenzdruck. Es ist keine Besserung in Sicht. 

Landwirtschaft trägt Contergan-Erbschuld

Eine Ursache sind die restriktivere Zulassung neuer und die restriktivere Wiederzulassung alter Pflanzenschutzwirkstoffe. Die europäischen Genehmigungsbehörden stellen deutlich höhere Ansprüche an den Zulassungsprozess. Größere Studienumfänge und Betrachtungskorridore, besonders im Hinblick auf die Bienengefärdung treiben die Kosten für Zulassungen in die Höhe. Zudem kommt das Risiko, dass auch bei positiver wissenschaftlicher Beurteilung, die politische Bewertung der Ergebnisse (unter Druck der NGO’s) zu einer weiteren Unsicherheit wurde. Die Glyphosatdebatte ist das beste Beispiel dafür. Es hat für mich den Anschein, als dass die Landwirtschaft immer noch die „Erbschuld“ der Industrie von Contergan und Atrazin zu tragen hat. 


Von den Produzenten ist zudem immer wieder zu hören, dass für der kleine Markt Europa nicht mehr wirklich im Fokus steht. Die Musik spielt auf anderen Kontinenten, in denen höhere Wachstumsraten möglich sind. Besonders bei Nischenprodukten ist dieser Umstand fatal. Bei einem Importanteil von 80 Prozent bei Obst in Deutschland ist eine solche Entwicklung existenzbedrohend für den Produzenten. Mittel, die im Ausland bei Importprodukten erlaubt sind, kann der Obstbauer hier nicht anwenden. Wie mit neuen Herausforderungen, wie z.B. der Kirschessigfliege, bei solch einer Zulassungspraxis umgegangen werden soll, ist mir schleierhaft. 

Die Kunst des guten Ackerbauers gefragt

Offenbar sind wir nun doch auf dem Weg zu den blühenden Landschaften in Deutschland. Nur anders als von Kohl gedacht. Und dass nun eher Disteln und Jakobskreuzkraut hier blühen, hat damals auch keiner gesagt. 


Natürlich kann man bei allen Problemen auch die Chancen sehen. Und diese gibt es auch hier wie in jeder Krise. Ist nicht besonders jetzt die Kunst des guten Ackerbauers gefragt? Durch angepasste Fruchtfolgen, geänderte Bewirtschaftung, moderne Technik und resistente Sorten ist viel machbar, denn die Zeiten von „Schema F“ sind vorbei. Auch bei Biobetrieben kann man mal über die Schulter schauen, wie die die Herausforderungen meistern. Vielleicht ist es auch eine Möglichkeit, solange es der Markt zulässt, den Betrieb komplett auf Bio umzustellen. Im Ackerbau kann man sich von Jahr zu Jahr anpassen und Weiterentwickeln. Als Tierhalter, wenn der Beton des Stalles einmal ausgehärtet ist, tut man sich deutlich schwerer mit einer grundlegenden Agrarwende.
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