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Stefanie Pionke zum Europawahlkampf

Ein pastoraler Seehofer, eine milde Merkel und Forderungen zu mehr Selbstbestimmung bei der Beleuchtung des heimischen Schlafzimmers: Die Facetten des Europawahlkampfs hierzulande reichen von bieder und uninspiriert bis hin zu skurril. Doch welche Rolle spielte die Landwirtschaft in den Fernsehspots und auf den Plakaten der Parteien? Während die Bürger in einigen Nachbarstaaten bereits zu den Urnen gehen, folgt hier eine kleine Analyse vor dem Wahlsonntag.

Mit dem Thema Agrar gehen in erster Linie die Grünen auf Stimmenfang. Dabei hilft der Partei die Kontroverse um das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA, kurz TTIP. So sagen die Grünen in ihrem TV-Wahlspot den Chlorhühnchen jenseits des Atlantiks den Kampf an. Als biologische Gefahr werden wenige Sekunden später gentechnisch veränderte Pflanzen gebrandmarkt, bevor ein putziges Kleinkind an einem Maiskolben - womöglich gar einem Genmaiskolben - knabbert.

Freiheit symbolisiert die grüne Partei mit einer fröhlich über eine Frühlingswiese galoppierenden Kuhherde. Auf Plakaten der Grünen fordert ein Masthuhn mehr Artgerechtigkeit in seiner Haltung ein. Die Botschaft an den Wähler: Auch auf europäischer Ebene setzen wir uns für eine Agrarwende ein - weg von Hochtechnologie und industrieller Produktion, hin zu mehr Kleinbäuerlichkeit.

Zumindest im Subtext des Europawahlspots der CDU schimmert ein ganz anderes Verständnis der Landwirtschaft durch. Eine attraktive, modische Mitvierzigerin, die genauso gut auch Leiterin einer PR-Agentur, Juristin oder Beraterin sein könnte, outet sich in dem ansonsten recht bieder gehaltenen Werbefilmchen als Landwirtin. Die CDU, so lautet die Botschaft, ist Fürsprecherin einer modernen Landwirtschaft. Dazu passt die Aussage der Agrarierin in dem Spot, es mache sie „stolz", dass die Milch ihres Betriebes „auch in Holland getrunken" würde. Nachdem bereits mehrere Bürgerstimmen die Vorteile eines freien, vereinten Europas verkündet haben, darf dies am Schluss des Fernsehspots auch noch einmal Kanzlerin Angela Merkel - und das, obwohl sie gar nicht zur Wahl steht.

Die Schwesterpartei CSU schenkt der Agrarwirtschaft hingegen allenfalls indirekt Bedeutung. In ihrem Wahlspot sieht man Parteichef Horst Seehofer am Frühstückstisch in der Sonne sitzen. Untermalt von tragender Musik und Kirchenglocken, verkündet er die Botschaft, wie wichtig doch Bayern sei. Für wen, fragt sich der geneigte Zuschauer. Für sich selbst? Bevor sich der Eindruck verfestigen kann, der CSU-Chef habe den Europawahlkampf mit einem Landtagswahlkampf verwechselt, fällt dann doch noch das Wörtchen "Europa". Einmal schwenkt die Kamera kurz und ziemlich unmotiviert auf ein Brett mit einem angeschnittenen Laib Brot. Ist das eine Botschaft an das bayerische Bäckerhandwerk oder die Mühlenwirtschaft? Oder hat Seehofer den Filmdreh in das enge Zeitfenster zwischen seinem Frühstück und der Fahrt in die Staatskanzlei gequetscht? Was natürlich Rückschlüsse darüber zulassen würde, welche Priorität die CSU der Europapolitik einräumt...

Richtig krachen lässt es die Tierschutzpartei, die sich hierzulande wie viele Splittergruppierungen dank des Wegfalls der 3-Prozent-Hürde bei der Europawahl berechtigte Hoffnung auf den Einzug in das Straßburger Parlament machen darf. Zu Beginn des Wahlspots dieser politischen Vereinigung rennt ein jugendlicher Pferdeschwanzträger über eine stark befahrene Straße und hustet kräftig. „Die Luft wird schlechter", wird der Zuschauer aus dem Off belehrt. Und dafür seien nicht nur die Autoabgase verantwortlich, sondern auch der Methanausstoß aus der industriellen Landwirtschaft. Damit wäre auch gleich das Feindbild genannt, an dem sich die Tierschutzpartei bis zum Ende des Filmchens abarbeiten wird.

So schafft es der Pferdeschwanzträger zwar, sich von der Ab- und Methangas-verseuchten Straße in eine Dönerbude zu retten. Doch sein Döner ist ihm nicht vergönnt. Warum? Die Antwort bietet ein weiteres Mal die belehrende Stimme aus dem Off: Durch den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung entstehen so viele multiresistente Keime, dass der Fleischkonsum in Zukunft verboten werden wird, weil er „zu gefährlich für den Menschen ist". Doch auch den Teller Pommes, den sich der junge Mann als Alternative bestellt, darf er nicht essen. Auch hier ist die Landwirtschaft schuld, die durch den Anbau von Monokulturen und gentechnisch veränderten Pflanzen Produktionsengpässe provoziert hat. Wie genau das passieren soll? Die Erklärung bleibt die Stimme aus dem Off in diesem Fall schuldig.

Die vom Aussterben bedrohte FDP, die für die Sicherung des eigenen Überlebens jede Stimme braucht, hält landwirtschaftliche Themen offenbar für den Stimmenfang als ungeeignet. Spitzenkandidat Alexander Graf Lambsdorff (wenigstens versteckt die FDP ihren Spitzenkandidaten nicht hinter gar nicht zur Wahl stehender Politprominenz - vielleicht, weil sie nicht mehr mit wirklicher Prominenz aufwarten kann?) gibt sich stattdessen als Verteidiger der Freiheit in den europäischen Schlafzimmern. Er sehe nicht ein, warum in Brüssel entschieden werden sollte, wie die Bürger ihre Schlafzimmer ausleuchten wollen, unterstreicht Lambsdorff mit Blick auf die Glühbirnenverordnung.
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