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Brigitte Stein zu Prüfberichten

Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Diese Binsenweisheit durchlebt derzeit der ADAC:  Der Gelbe Engel vollzieht einen skandalösen Absturz in Etappen. Gefälscht ist nun nicht nur die aktuelle Publikumswahl zum „Lieblingsauto der Deutschen". Schon seit Jahren hat angeblich eine einzige Person die Ergebnisse des viel beachteten Preises manipuliert. In vermeintlich bester Absicht: Alle deutschen Autohersteller sollten sich gleichermaßen auf den ersten Listenplätzen wiederfinden. Ein wahrhaft merkwürdiges Verständnis von Fairness! Über eine solche Vorstellung von fairem Wettbewerb kann die Landwirtschaft nur den Kopf schütteln, weil sie es anders kennt.

Denn im fairen Vergleich von Sorten werden Preise nicht gleichmäßig verteilt, sondern differenzierte Bewertungen nach Leistung vergeben. Das machen ganz unspektakulär die landwirtschaftlichen Wertprüfungen und die Landessortenversuche vor – als öffentliche Institutionen und mit größtmöglicher Transparenz. Seit 60 Jahren geht es nicht um eine schön gestaltete Anmeldung, willkürlichen Unternehmensproporz oder Werbemaßnahmen in Zeitschriften. Ob eine neue Sorte eine Zulassung erhält oder nicht, das entscheidet allein der landeskulturelle Wert, also ihre Leistung.

Das Bundessortenamt prüft gründlich – und vor allem transparent. Die Mitarbeiter erfüllen ihre öffentliche Aufgabe gewissenhaft. Alle Anmelder und Wettbewerber können sich überzeugen, dass das Verfahren fair verläuft. Die abschließende Entscheidung findet am runden Tisch statt; Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht, damit alle bedeutsamen Aspekte berücksichtigt werden.

Eine weitere Bewährungsprobe für neue Sorten liegt im föderalistischen Sortenprüfwesen, den Landessortenversuchen. Auch hier ist Transparenz selbstverständlich. Diskussionen erläutern besondere Standort- oder Jahreseffekte, die Einfluss auf das Ergebnis der einen oder anderen Sorte genommen haben. Im gesamten Sortenprüfwesen garantiert die Finanzierung als öffentliche Aufgabe Neutralität.

Für den ADAC ist nun alles dahin: Die Glaubwürdigkeit des gesamten Vereins, die Freude der Autohersteller über die Preise, das Vertrauen der Mitglieder.
Ganz offensichtlich war das System ADAC viel zu leicht zu manipulieren, viel zu sehr der Willkür eines einzelnen ausgeliefert – auch wenn dieser es gut gemeint haben mag. Der Systemfehler ist nicht zu beheben, indem Verantwortliche ihren Platz räumen – selbst wenn das eine angemessene Konsequenz ist. Ebenso wenig hilft gegen Betrug wirklich, dem ADAC die Privilegien eines Vereins abzuerkennen – selbst wenn dieser Schritt in Anbetracht seiner opulenten Finanzlage überfällig ist.

Den Landwirten kann der ADAC egal sein. Wirklich wichtig sollte ihnen aber sein, dass solchen Möglichkeiten zum Missbrauch in ihrem bislang funktionierenden, transparenten, öffentlich finanziertem Sortenprüfwesen gar nicht erst die Tür geöffnet wird.
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