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Horst Hermannsen zu agrarischen Aufsichtsräten

Ein Aufsichtsrat ist in guten Jahren überflüssig und in schlechten Jahren überfordert. Das ist gut zu wissen, denn der natürliche Feind des Vorstandes wäre ein sachkundiger Aufsichtsrat. In der Agrarwirtschaft kommen solche Störenfriede selten vor. Man erinnert sich an die Gremien der Wirtschaftlichen Vereinigungen des privaten Landwarenhandels in Deutschland, allen voran der Lagerland AG, München. Sie sind trotz, oder wegen ihres Aufsichtsrates, pleite.

Ihr Schicksal ähnelt den insolventen genossenschaftlichen Vieh- und Fleischhandelsunternehmen. Nicht wenige Aufsichtsräte, die bereits bei Südfleisch und Co vor sich hin dämmerten, gähnen heute bei den Sitzungen anderer Konzerne. Richtig kauzig wirken teilweise Aufsichtsräte in etlichen Genossenschaftsmolkereien. Nicht selten übernehmen sie diese Ämter im Erbgang. Davon profitieren dann wieder Anverwandte, die in der Geschäftsführung sitzen. Derart geschlossene Systeme befeuern den Strukturwandel, der allerdings gelegentlich auch mit bäuerlichem Treuhandvermögen finanziert wird. Selbst Schuld könnte man sagen. Schließlich sind es Bauern, die das Theater zulassen.

Apropos Bauern: Ihre Verbandspräsidenten machen in Wirtschaftsunternehmen der vor- und nachgelagerten Stufen stets eine schlechte Figur. Oder deutlicher, sie gehören dort nicht hin. Sie könnten sich ihre Zeit in so entbehrlichen Einrichtungen wie einem Beirat vertreiben. Der hat keinerlei Entscheidungsbefugnis oder Kontrollfunktion. Der Aufsichtsrat indes hat, zumindest theoretisch, eine andere Qualität. Zu seinen vornehmsten Aufgaben gehört, dafür Sorge zu tragen, dass es dem Unternehmen und damit den Aktionären gut geht.

Warum, um alles in der Welt, hat man dies dem Bauernverbandspräsidenten Joachim Rukwied nicht längst schon gesagt. Er sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der Baywa AG. Zugegeben, auch dort fällt er kaum auf. Aber nicht deshalb hat er den falschen Platz eingenommen. Ein Verbandsvorsitzender soll sich für das Wohl seiner Mitglieder einsetzen, in dem Fall der Bauern. Das ist häufig nicht identisch mit dem Wohl des Händlers. Zweifellos ist Ämterhäufung ein Wesensmerkmal für Bauern- und Genossenschaftsfunktionäre. Damit lässt sich risikolos ohne größere Anstrengung ein interessantes Einkommensmodell aufbauen, das auch in fortgeschrittenen Jahren stützt.

Wenn also Altenteiler, wie der vormalige DBV-Präsident Gerd Sonnleitner im Aufsichtsrat von Fendt sitzt um gratis Weltreisen zu machen und mit Nichtstun seine Bezüge aufbessert, dann wundert sich niemand. Wenn DRV-Präsident Manfred Nüssel seiner pekuniären Postensammelleidenschaft auch in späten Jahren frönt, dann ist dies artgerechtes Verhalten. Bei dem aktiven Joachim Rukwied ist dies anders. Bei ihm wirken Ämter in der Wirtschaft so, als habe man ihn eingebunden, ihn gekauft. Was bei der Südzucker wegen der bäuerlichen Eigner noch geht, ist bei der Baywa unmöglich.

Eine Gewissheit hat Rukwied freilich. Sollte die Baywa je in eine wirtschaftliche Schieflage geraten, er würde nie zur Rechenschaft gezogen. „Einen Aufsichtsrat haften zu lassen ist schwieriger als eine Sau am eingeseiften Schwanz festzuhalten“. Zu dieser Erkenntnis kam bereits Hermann Josef Abs, der legendäre Vorstand der Deutschen Bank und zigfache Aufsichtsrat, dessen Ämterfülle per Gesetz begrenzt wurde.
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