--

Stefanie Pionke zu Agrarthemen in der öffentlichen Diskussion

Die Agrarwirtschaft ist  „sexy“. In schöner Regelmäßigkeit berichten Tageszeitungen und Wochenmagazine, Rundfunkanstalten und TV-Sender über Themen rund um die Branche. Dazu bedarf es nicht einmal mehr eines Lebensmittelskandals oder explodierender Getreidepreise. Vertreter der meinungsbildenden Öffentlichkeit haben scheinbar besonders an einem Teilbereich Agrarsektors einen Narren gefressen – der Fleischwirtschaft.

Fleischanteil überwiegt

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ etwa widmet dem Fleischkonsum in seiner jüngsten Ausgabe ein 13-seitiges Themenspezial. Streng genommen geht es dabei nicht nur um Fleisch, sondern um die Frage, wer gesünder oder moralischer sei – Karnivoren oder Vegetarier? Doch der „Fleischanteil“ der Berichterstattung, die den Auftakt zu einer dreiteiligen Serie mit dem Titel „Mehr Lust am Essen“ setzt, überwiegt die pflanzliche Komponente eindeutig. Das lässt freilich gewisse Rückschlüsse auf die Essgewohnheiten der zuständigen Redakteure zu. Die porträtieren das „Für Mehr Tierschutz“-Label des Tierschutzbundes, das seit wenigen Monaten konventionell erzeugtes Schweinefleisch von Vion und Geflügel von Wiesenhof ziert, durchaus wohlwollend. Den Schnitzellieferanten gehe es selbst durch kleine Veränderungen in der Haltung besser.

Eine weitere Botschaft der fleischlastigen Focus-Berichte: Fleischessen ist nicht nur nicht verwerflich, sondern sogar „salonfähig“ – besonders bei Rindfleisch. Und vor allem dann, wenn es von artgerecht gehaltenen Tieren aus Rassen mit klangvollen Namen stammt. Es kommt sogar ein Versandhändler für Gourmet-Fleisch zu Wort. Dieser vergleicht das Empfinden beim Biss in ein Fleischstück mit dem „Jagdglück des Neandertalers“.

Tod aus dem Hinterhalt

„Jagdglück“ empfinden womöglich auch diejenigen Biolandwirte, über die das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in seinem ersten Aprilheft schreibt. Der in dem Bericht portraitierte Biolandhof erprobt die „Kugelschussmethode“. Dabei sterben Weiderinder nicht mehr den schonungslosen und nackten Tod durch das Bolzenschussgerät im Schlachthof. Nein, stattdessen werden sie durch den Schuss eines Jagdgewehrs aus dem Hinterhalt niedergestreckt, während sie nichtsahnend auf der Weide grasen. Agrarwissenschaftler der Universität Kassel begleiten das Projekt, das den „stressfreien Tod“ zum Ziel hat. Kritische Stimmen von Tierärzten richten sich nicht gegen die Methode als solche, sondern gegen stümpferhafte Schützen, die das ahnungslose Tier nicht direkt mit einem ersten, zielgenauen Schuss erlegen.

Beide Beispiele aus der aktuellen Berichterstattung der nicht selten von Vertretern der Agrarbranche gescholtenen Publikumsmedien dürften die Fleischwirtschaft zumindest nicht verärgern: Der Fleischkonsum wird nicht als per se moralisch fragwürdig dargestellt. Die vorsätzliche Tötung des Masttieres, eine unweigerliche Komponente seiner auf die Rolle als Fleischlieferant ausgerichteten Existenz, wird nicht tabuisiert. Im "Focus" kommen nicht die Fleischesser, sondern die Veganer verantwortungslos rüber – zumindest diejenigen, die auch ihren Kleinkindern tierische Eiweiße vorenthalten.

Spuren von Speck

Einen Konterpunkt in der fleischigen Harmonie setzt die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Die am Dienstag lancierte Pressemitteilung „Versteckte Tiere“ wurde zumindest von Online-Medien dankbar aufgegriffen. In verarbeiteten Lebensmitteln, die vegetarisch daherkämen, beispielsweise in Tomatensuppe aus der Tüte, versteckten sich nicht deklarierte tierische Bestandteile wie etwa „Spuren von Speck“. Und das auch noch völlig legal. Die Verbraucherschützer haben einen Gesetzesvorschlag erarbeitet, der Spurenelemente von Tieren auf Lebensmittelpackungen kennzeichnungspflichtig machen soll.
stats