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Brigitte Stein zur Pädagogik im Alltag

Jeder kennt die Sprüche: „Kaffee ist ein Heißgetränk“ und auch „Achten Sie auf den Abstand zwischen Zug und Bahnsteigkante“. Allgegenwärtig sind solche Warnhinweise, als bestünde die Gesellschaft aus lauter schutzbedürftigen Tollpatschen. Jeder weiß: Die Texte sind das erstaunliche Ergebnis von Gerichtsentscheiden über Haftungsfragen. Dabei ist es eigentlich wenig überraschend, dass man sich an heißem Kaffee verbrühen kann. Ebenso wenig, dass man Stürze vermeidet, wenn man beim Gehen auf den Untergrund achtet.

Die Beaufsichtigung, wie sie Kaffeetrinker oder Bahnfahrer erleben, setzt die Kindheitspädagogik konsequent fort. Es mangelt ja nicht an Erziehungs- und sonstigen Ratgebern. Sie stecken voller Tipps, vor welchen Gefahren Kinder immerfort bewahrt werden müssen. Am sichersten sind die Kleinen demnach zu Hause, im Auto und in einigen anderen Gebäuden.

Vor den Folgen dieser Rundum-Fürsorge warnen mittlerweile weitere Pädagogen eindringlich. Sie beschreiben das "Natur-Defizit-Syndrom", das zwar immerhin keine diagnostizierbare Krankheit sei. Aber wenn der Nachwuchs zu wenig Kontakt zur Natur habe, so werde das sowohl für die Zukunft der Erde als auch für die Fähigkeiten der Sprösslinge Schlimmeres bringen. Übermäßiger Medienkonsum bewirkt unter anderem, dass eine messbar wachsende Zahl künftiger Erwachsener Kühe für lila und Enten für gelb hält. Dem Syndrom sind US-Pädagogen seit 2005 intensiv auf der Spur.

Zum Glück gibt es einen passenden Erziehungsratgeber: „Green Parenting“ gibt Tipps, wie man seine Kinder wieder vorsichtig in Kontakt mit der Außenwelt bringen kann. Damit die Kleinen wenigstens zehn Minuten täglich vor die Türe gehen, werden Belohnungen als probates Mittel empfohlen. Konkurrenzerprobte Kinder finden Spaß daran, auf Kommando nach Regenwürmern zu graben. Ganz verwegene Eltern sollen sich gemeinsam mit ihren Kindern sogar mal ins Gras legen. Und so weiter und so fort.

Kaum ein Landwirt wäre wohl überhaupt auf die Idee gekommen, dass solche Ratschläge es wert sind, zu einem Buch gemacht zu werden. Der Abstand zwischen Zug und Bahnsteigkante ist ein Klacks verglichen mit dem Abstand zwischen Landwirtschaft und dem großen Rest der Bevölkerung. Vor dieser Gefahr wird viel zu selten gewarnt. Ob es die Pädagogen noch richten können?
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