Peter Seeger

Gerade keine „Spielwiese für Innovationen“

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Peter Seeger über die ITW 2.0

Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich bin schon überrascht, dass die Initiative Tierwohl (ITW) den ersten drei Jahres-Zeitraum überstanden hat. Dass es nun auch noch in die zweite Staffel geht, erstaunt mich wirklich. 

Das einzig funktionierende Modell für mehr Tierschutz

Da kürzlich erst der deutsche Tierschutzbund und die Handelskette REAL ausgestiegen sind, dachte ich schon, dass die Legitimität und die Finanzierung von ITW in Frage gestellt wären. Natürlich bin ich froh, dass es weiter geht. Denn die ITW ist grundsätzlich eine gute Sache. Momentan ist es auch die einzige funktionierende Möglichkeit, wirklich kostendeckend, mehr Tierschutz in den Ställen umzusetzen. 

Grundlegend bin ich jedoch immer noch der Meinung, dass, wenn man mehr fordert, auch mehr für das Produkt bezahlen muss. Bei jedem neuen Smartphone ist das selbstverständlich, nur höherwertig produzierte Lebensmittel oder auch Ökostrom müssen durch Subventionen billig gehalten werden. Da in Deutschland bisher leider kein Tierschutzlabel ernsthafte Marktanteile erreicht hat, ist die ITW, abgesehen von einem steuerfinanzierten System, momentan der einzige Weg für merklich mehr Tierwohl in deutschen Schweineställen. 

ITW wäre die ideale Plattform für Pioniere

Sicherlich gibt es in der neuen Förderperiode gute Gründe, die Zahl der verschiedenen Kriterien, aus denen der Schweinehalter auswählen kann herunter zu setzen und den maximalen Bonus pro Tier stärker zu deckeln. Brauchen wir jedoch nicht gerade jetzt eine „Spielwiese für Innovationen?“ Die Liste der Herausforderungen in der Schweinehaltung, für die wir noch keine Lösung haben, ist lang. Verzicht auf betäubungslose Kastration, Verzicht des Kupierens der Schwänze beim Ferkel oder die Abferkelbox ohne Fixierung der Sau kommen auf uns zu. Weder Wissenschaft noch die Lehr- und Versuchsanstalten haben bisher praxistaugliche Lösungen für die neuen Anforderungen. Die ITW wäre die Chance, Pioniere in der Praxis zu fördern, von denen andere Tierhalter lernen können. Es müsste zum Beispiel die Möglichkeiten geben, mit nur einem Teil des Bestandes einzelne Kriterien umzusetzen. Schließlich traut sich kaum jemand, einen kompletten Mastbestand mit Langschwanz Ferkeln aufzustallen. Dies ist jedoch nicht vorgesehen. 

Öffentlichkeitsarbeit? Fehlanzeige

Leider hat die ITW weiterhin ein riesiges Manko: kein Mensch kennt die Initiative. Ich bin gespannt, ob bei dem größeren Budget von ITW nun auch endlich Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird. „Tue Gutes und rede darüber“ Diese alte Marketingweisheit wird von ITW, wie in der Agrarbranche üblich, sehr stark vernachlässigt. Es macht keinen Sinn, dieses Programm nur aufzulegen, um die Tierschutzorganisationen ruhig zu stellen. Das funktioniert sowieso nicht. Mit den Stalleinbrüchen bei ITW-Betrieben zeigt sich, dass auch hier nicht immer heile Welt ist. Wenn man lange genug sucht, kann man überall unschöne Bilder finden. Die Kommunikation muss vorher geschehen, und zwar offen und ehrlich. Das vermisse ich leider bei ITW. Es hat den Anschein, als wolle man, auch von Seiten des Lebensmitteleinzelhandels (LEH), eher intern signalisieren, dass man etwas fürs Tierwohl tut. Die bestehenden Markenfleischprogramme sollen aber nicht tangiert werden, um sich im Markt gegebenenfalls doch noch von den Mitbewerbern absetzen zu können. 
Zum ersten Mal hätte die Tierhaltung über den Lebensmitteleinzelhandel einen direkten Zugang zum Verbraucher. Dass dies von beiden Seiten nicht angestrebt wird ist mir unerklärlich.

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