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Peter Seeger zu Lebensmittel-Aufregern

Ob Glyphosat in Bier oder Muttermilch, Neonicotinoide oder die Krebswirkung von rotem Fleisch. Die NGO feuern jede Woche eine neue Rakete, und die Presse springt oftmals ohne nachzudenken darauf an Zwar hat die Branche mit Humor auf die Glyphosat-Studie des Münchner Umweltinstituts reagiert, wie der #bierglyphosatchallenge 2016 oder Selbstversuche im Internet, die für eine gesundheitsschädigende Wirkung nötigen 1.000 Liter Bier am Tag zu trinken, zeigen. Aber im Grunde tut sich die Landwirtschaft schwer, mit solchen Vorwürfen umzugehen. Wir reagieren mit Rechtfertigungen oder wissenschaftlichen Fakten, die niemanden interessieren oder sogar öffentlich angezweifelt werden.

Die Gegner der so genannten industriellen Landwirtschaft bringen sich in Position und verdienen damit richtig Geld. Die Kriegskassen aus Spenden und Honoraren sind vermeintlich randvoll. Bisher ist es jedoch nur ein Warmlaufen, denn wir wissen alle, dass bis zur Bundestagswahl 2017 noch Zeit ist. Wer weiß, ob die Flüchtlingskrise als Thema dann noch aktuell ist. In einer Gesellschaft mit Vollbeschäftigung und Wohlstandsverteilung werden die Landwirtschaft und die Agrarwende im kommenden Bundestagswahlkampf ganz sicher eines der großenThemen sein. Somit können wir gewiss sein, dass noch viele vermeintliche Aufreger aus allen Bereichen der Landwirtschaft ins Rampenlicht befördert werden.
 
Die Vorwürfe selbst sind meist jedoch häufig so absurd wie hinterhältig. Häufig dreht es sich um Grenzwerte, die – wie bei Glyphosat - tausendfach unterschritten werden. Oder es kommen Analysemethoden zum Einsatz, die gar nicht für die untersuchten Substanzen geeignet sind. Es ist ein Spiel mit der Angst der stillenden Mütter und nun auch noch der Biertrinker. Es hat nichts mit Verbraucherschutz oder Aufklärung zu tun, wenn in Berichten oder Studien „Nachweisgrenze“ und „Grenzwerte“ bewusst vermischt werden. Die Welt zwischen Nanogramm und Mikrogramm liegt fernab unserer Vorstellungskraft und ist daher auch so gut zu instrumentalisieren.

Es gehört heute schon zum guten Ton, sich von der konventionellen Landwirtschaft abzuwenden. Wie sonst ist es zu erklären, dass es fast schon selbstverständlich ist, auf dem evangelischen Kirchentag nur Bio-Lebensmittel anzubieten? Dass die Kirche damit 95 Prozent der deutschen Landwirte brüskiert, scheint ganz normal zu sein in der puritanischen Welt der Moralapostel.

Wobei die Bio-Landwirtschaft bisweilen auch selbst in der Kritik steht. Erinnern wir uns nur an den Wirbel um Antibiotika in den Ställen der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, an Nitrofen belastetes Bio-Getreide oder an umdeklarierte Eier. Viele Bio-Bauern solidarisieren sich deswegen schon wieder mit den konventionellen Kollegen. Dies ist aber oftmals in den Spitzen der Bio-Verbände noch nicht angekommen.
 
Die Bauern fühlen sich allesamt zu Unrecht diffamiert und alleine gelassen. Sie sind sogar verunsichert, ob es überhaupt richtig ist, wie sie wirtschaften. Wir dürfen auch das Erklären nach Innen nicht vernachlässigen. Das heißt, die Landwirte schnell mit guten Informationen zu aktuellen Themen zu versorgen, denn sie müssen täglich auf ihren Betrieben Rede und Antwort stehen. Es fehlt, besonders im Hinblick auf das kommende Wahljahr, der große und schnelle Wurf. Müssen wir nicht mal ganz andere Wege gehen? Neue Verbündete finden? Unkonventionelle Lösungen anstreben?

Guter Rat ist im wahrsten Sinne des Wortes teuer. Auch wenn es momentan in allen Betrieben finanziell und zeitlich eng ist, müssen wir uns engagieren. Der Bauer selbst ist der beste Botschafter für den Verbraucher. Der vor- und nachgelagerte Bereich hat eine besonders große Verantwortung für die Branche. Wir erwarten auch von dort erheblich mehr Engagement für den Erhalt der Landwirtschaft in Deutschland.
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