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Stefanie Pionke zu den US-Dürrehilfen

Während die schlimmste Trockenheit seit 56 Jahren Mais- und Sojafelder im Mittleren Westen verdorren lässt und Vieherzeuger zu Notschlachtungen zwingt, entbrennt in der US-amerikanischen Politik der Verteilungskampf um Agrarsubventionen. Präsident Barack Obama hat - mitten im Wahlkampf - die Dürre zur Chefsache gemacht und den betroffenen Farmern medienwirksam Finanzspritzen zugesagt. Agrarlobbyisten und ihre politischen Fürsprecher nutzen diese Großwetterlage, um die Verabschiedung der „Farm Bill“, den Finanzrahmen für die Landwirtschaftspolitik für den Fünfjahreszeitraum 2013 bis 2017, zu beschleunigen.

Die Dürre, schreibt das renommierte US-Blatt „The Washington Post“, sei „Manna vom Himmel“ für die Agrarlobby und ihre politischen Unterstützer am Capitol Hill in Washington.

Keine Frage, die extreme Hitzewelle ist eine Katastrophe für die betroffenen Erzeuger. US-Agrarminister Tom Vilsack ließ die Verbraucher kürzlich beruhigend wissen, dass das Fleisch im Supermarkt zunächst einmal billiger werden dürfte, da Viehzüchter als Reaktion auf den Futtermangel in Folge der Dürre ihre Herden verkleinern.

Das blendet die ökonomischen Nöte der betroffenen Viehzüchter aus. Ihren Tieren fehlt das Grünfutter und nun sehen die Farmer sich genötigt, die Herden notzuschlachten und in eine Überangebotswelle hinein zu verkaufen.

Dass Vilsack an die US-Ernteversicher appelliert, Nachfristen für den Abschluss von Ernteversicherungen zu gewähren, lässt Viehzüchter in Internetblogs fragen, warum sie denn keine vergleichbaren Hilfen bekämen?

In den USA sind nach aktuellen Schätzungen gut 80 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen durch Ernteversicherungen geschützt. Diese Versicherungen gegen Produktionsausfälle durch extreme Wetterlagen werden vom Staat subventioniert. Daher ist es nun das Interesse aller Nutznießer groß, mehr Mittel für diese Policen in die Farm Bill zu stopfen.

Außerdem entbrennt in der Hitzewelle die Diskussion um Tank versus Teller. Da die Maisernte deutlich knapper als erwartet ausfallen wird, rechnen Beobachter mit einem Verteilungskampf zwischen den Futterproduzenten und Raffinerien für Bioethanol. Daher fordern Kritiker, die staatlich festgeschriebene Beimischungsquote für Biosprit zu überdenken, bevor das Agrarfinanzpaket für die kommenden fünf Jahre im Eilverfahren geschnürrt wird.

Man sieht also: Während Mensch und Tier in den betroffenen Gebieten unter der Hitze ächzen und Pflanzen verdorren, ist der Verteilungskampf um die Subventionen in Washington in vollem Gange. Ketzerisch lässt sich also sagen, die Dürre sei für Lobbyisten und diejenigen Politiker, die auf deren Stimmen angewiesen sind, ein Geschenk des Himmels.

Um nicht nur mit dem Finger auf die Akteure jenseits des Atlantiks zu zeigen: Auch in den Verhandlungen um die kommende Reform der EU-Agrarpolitik nach 2013 läuft ein stetiger Verteilungskampf. Die einen wollen Subventionen für Großbetriebe begrenzen, die Großbetriebe wollen das nicht. Viele Mitgliedstaaten sind ängstlich darauf erpicht, ihre teilweise beachtlichen Hektarprämien in voller Höhe zu erhalten.

Was die Debatte in den USA fundamental von der Diskussion in weiten Teilen Europas unterscheiden dürfte: In US-Internetblogs melden sich Farmer zu Wort, die eine Abschaffung jedweder Agrarsubventionen und volle Freiheit für die Kräfte des Marktes fordern. Solche Stimmen sind in Europa vergleichsweise leise.
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