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Dr. Jürgen Struck zu Trends in der Ernährung

Fragen zur richtigen Ernährung haben sich zu einem gesellschaftlichen Dauerthema entwickelt. Dabei geht es kaum noch um ernährungsphysiologische Aspekte – was ist gut, und was ist besser – sondern vielmehr um Fragen des Geschmacks, des Stils und um Trends, so auch in Wolfsburg.


Den Namen der kleinen Großstadt mit gut 120.000 Einwohnern im Osten Niedersachsens kennt fast jeder. Aber nur wenige Besucher haben Interesse an der Stadt – zumindest der eigentlichen Stadt Wolfsburg. 

Doch es gibt dort noch eine zweite Stadt – die „Autostadt“ in Wolfsburg. Diese wiederum zieht viele Besucher an. Sie existiert seit dem Jahr 2000 und umfasst eine Fläche von etwa 28 ha. Weit mehr als zwei Millionen Besucher kommen jährlich in die Autostadt. Rund ein Viertel davon, meist mit Begleitung, wollen ihr neu erworbenes Auto der Marke VW abholen und erhalten pro Person eine der berühmten VW-Currybockwürste gratis. Andere interessieren sich für die Themenparks rund um das Auto, kulturelle Veranstaltungen werden geboten und auch die Gastronomie hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt. 

Dabei steht nicht die Currybockwurst - auf der Packung deklariert als „Volkswagen-Originalteil“ - im Vordergrund. Doch mit knapp acht Millionen jährlich verkauften Exemplaren aus der Volkswagen-eigenen Fleischerei ist sie unbestreitbar der Hit im gastronomischen Angebot. Nachgefragt wird sie zu einem Teil in den Restaurants der Autostadt, in den VW-Kantinen und zu einem sehr großen Teil  in Geschäften des Lebensmitteleinzelhandels oder im Versand.  Es liegt nahe, dass ihr Ausgangsmaterial zum überwiegenden Teil aus niedersächsischen Schweineställen stammt. Und damit können alle gut leben, die Qualität ist anerkannt, das Image positiv und das Geschäft läuft. Soweit so gut seit vielen Jahren.    

Wirbel um die Wurst

Doch nun gab es Wirbel um die Wurst, genauer ums Essen. Ausgelöst wurde er durch Aussagen  des Restaurantbetreibers  der Autostadt zu seinen verschiedenen Angeboten. „Vital“, „Vegetarisch“ oder „Vegan“ lauten sie. Ihre jeweiligen so genannten Vor- und Nachteile werden auf der Homepage unter Bezug auf Literaturquellen erläutert. 

Teile der Veredlungswirtschaft sowie ihnen verbundene Bereiche wie Futterhersteller oder Tierarztpraxen fühlten sich durch Auswahl der Aussagen und Literaturquellen diskriminiert und äußerten Protest bei der Volkswagen AG. Ob die Argumente des Restaurantbetreibers für die eine oder andere Linie und deren Formulierung tatsächlich in Gänze glücklich war, kann und sollte diskutiert werden. Dafür sind Gespräche zwischen den Beteiligten bereits vereinbart. Die Prognose sei erlaubt, dass sie konstruktiv verlaufen werden. 

Die Autostadt ist nicht Volkswagen - die Autostadt ist die Autostadt, und als eigenständige Gesellschaft verantwortlich für ihren Geschäftserfolg. Zehn Restaurants gibt es in der Autostadt, betrieben werden sie von der Autostadt GmbH in Kooperation mit dem Schweizer Hotel- und Gastronomieunternehmen Mövenpick AG.  

Derzeit erhält Fleisch eine erhöhte gesellschaftliche Aufmerksamket, ja, vielleicht gibt es sogar einen vermeintlichen oder tatsächlichen Trend gegen Fleisch. Wenn sogar bedeutende Fleischverarbeiter wie die Tönnies-Gruppe, die Rügenwalder Mühle oder der Geflügelvermarkter PHW mit seiner Kernmarke Wiesenhof ihr Angebot um fleischfreie Produkte erweitern, so  reagieren sie auf diesen Trend. Dies muss nicht gegen das eigene Geschäft laufen, sondern kann vielmehr zusätzliche Felder erschließen.
 

Diskussionsplattform Zukunftsdialog

Auch die Gastronomie folgt diesen Regeln, sie muss Trends erkennen, manchmal verstärkt sie diese auch. Doch nach Aussagen des Restaurantbetreibers der Autostadt hält sich bisher alles noch in Grenzen. Denn  80 Prozent der jährlich 2,2 Millionen Restaurantkunden entscheiden sich für das Angebot „Vital“, welches Fleisch einschließt. Aber 15 Prozent fragen die Produktlinie „Vegetarisch“ nach und fünf Prozent entscheiden sich für vegane Gerichte. Wie es weitergeht wird sich zeigen. Auch Trends halten nur solange, bis der nächste kommt. Wer weiß, vielleicht entdeckt noch irgendjemand einen "Anti-Ageing Faktor" im Fleisch - dann hätten wir eine neue Lage. Doch zunächst wird in Wolfsburg die VW-Currywurst ihren Spitzenplatz im gastronomischen Angebot mit Sicherheit weiterhin behalten, bestehe sie aus Fleisch, Tofu oder was auch immer.  
  
Festzuhalten bleibt jedoch auch: Argumente - Für oder Wider das Eine oder Andere müssen auf der sachlichen Ebene bleiben und diskutiert werden können. Dafür müssen sich alle Seiten offen  zeigen und mit Respekt dem Anderen begegnen. Eine gute Gelegenheit dazu besteht am Dienstag, den 5. Mai, beim „Zukunftsdialog Agrar & Ernährung 2015“ in Berlin. Dort wird auch die Autostadt über Ernährungstrends und wie das Unternehmen darauf reagiert sprechen und die Landwirtschaft ein geschätzter sowie kritischer Gesprächspartner sein. Im besten Stil.    
 
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