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Stefanie Pionke zur Wurst mit Gesicht

Der Verbraucher von heute hat es wirklich nicht leicht. Streng genommen müsste er oder sie ständig von einem schlechten Gewissen geplagt sein. Seien es die Billig-T-Shirts, die Näher in Bangladesch in lebensbedrohlicher Akkordproduktion fertigen, oder am anderen Ende der Skala die unter widrigen Arbeitsbedingungen in einem anderen asiatischen Land zusammengeschraubten Luxus-Smartphones. Auch beim Fressen kommt immer stärker die leidige Moral ins Spiel: Es gibt Zeitgenossen, die kaum noch in eine Grillwurst beißen können, ohne vor ihrem geistigen Auge Schreckensbilder aus der „Massentierhaltung" zu sehen.

Doch gleich komplett auf Fleisch verzichten? So weit mag nicht jeder gehen - Gewissensbisse hin oder her. Das Geschäftsmodell eines jungen Berliners verspricht seit etwa zwei Jahren einen Ausweg aus dem Dilemma: Der Konsument mit moralischem Anspruch kann sich sein Schnitzel aussuchen, während sich dieses noch behaglich im Acker suhlt. Die Idee hinter dem Konzept des Fleisch-Online-Shops meinekleinefarm.org: Wer weiß, wen er auf das Schlachtband treibt und wie der Nahrungslieferant aufgewachsen ist (natürlich Bio!), der genießt sein Fleisch bewusster - und seltener.

Der Urheber des Geschäftsmodells spricht davon - Achtung, Kalauer! -, ein neues „BeWurstsein" zu fördern. Bei meinekleinefarm.org wird das Antlitz des geschlachteten Tiers auf die Fleisch- oder Wurstpackungen gedruckt. Via Facebook kann die Netzgemeinde über künftige Schlachtkandidaten abstimmen. Zudem zeigt die Webseite viele Bilder der Schnitzel- und Wurstlieferanten, kombiniert mit rührseligen Geschichten, wie etwa jene einer Romanze zwischen Sau und Eber.

Doch wer will sich schon Leberwurst aufs Frühstücksbrot streichen, auf deren Verpackung einem das Schwein entgegengrinst, das für diese Gaumenfreude sein Leben lassen musste? Sicher mag der eine oder andere Überzeugungstäter auf diese Idee abfahren - den Systemwechsel oder den Wandel des „kollektiven BeWurstseins" werden die Macher von meinekleinefarm.org wohl nicht schaffen. Zwar gibt es Leute, die den hohen Fleischkonsum hierzulande als gesamtgesellschaftliches Problem begreifen. Doch das heißt nicht, dass sich die gesamte Gesellschaft für dieses Problem interessiert.

Hier hilft noch einmal die Analogie zur Textilwirtschaft und Kommunikationstechnologie. So mögen die Bilder eingestürzter Textilfabriken und sterbender Näherinnen in Bangladesch auch noch so schrecklich sein - beim nächsten Stadtbummel greifen viele Käufer doch wieder zur altbewährten Günstigware. Fair gehandelte Kleidungsstücke, deren Produzenten faire Stundenlöhne erhielten, erreichen schon aufgrund ihres Preises vor allem eine bürgerliche Konsumentenschicht. Das Luxus-Smartphone dürfte selbst diese gut betuchte Klientel verprellen, wenn es auf faire Weise zusammengeschraubt und noch teurer würde.

Viele Fleischesser mögen es gerne günstig - dieser Realität muss man ins Auge sehen. Angebote wie meinekleinefarm.org werden wohl nie zum Mainstream werden, sondern vor allem eine kleine und solvente Käuferschicht bedienen. Und deren „BeWurstsein" muss keiner erst grundsätzlich umkrempeln, der die Massentierhaltung als gesellschaftliches Problem begreift.
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