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Stefanie Pionke zu GVO und Lebensmittelkennzeichnung

In der CDU bröckelt in dieser Woche der Widerstand gegen nationale Anbauverbote für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in der Europäischen Union. Dieser Sinneswandel passt in die Landschaft, profilieren sich weite Teile der EU bereits seit Jahren als gentechnikfreie – im populären Sprachgebrauch auch gerne „genfreie“ – Zonen. Doch auch in den USA – aus Sicht vieler hiesiger Befürworter der grünen Gentechnik ein Paradies in Fragen der Akzeptanz des technischen Fortschritts – schwelt der Konflikt pro und kontra GVO. Jetzt will ein republikanischer Senator ein Gesetz einführen, das Gentechnik-Kennzeichnungen in einzelnen US-Bundesstaaten verbieten soll.

In ihrem Europawahlprogramm deutet die CDU die Möglichkeit an, dass die Bundesregierung einem Kompromissvorschlag auf EU-Kommissionsebene zustimmen könnte, statt sich einfach wie bisher feige zu enthalten. Der Kompromiss sieht vor, einzelnen EU-Mitgliedstaaten das Recht einzuräumen, den Anbau EU-weit zugelassener gentechnisch veränderter (GV-) Pflanzen auf ihrem Territorium zu verbieten. Was die einen als Selbstbestimmung der Nationalstaaten bezeichnen mögen, kann man gut und gerne auch als Willkür betrachten.

Das vermeintliche Zugeständnis der Christdemokraten, die Nutzung grüner Gentechnik zu Forschungszwecken zu erlauben, ist wenig überzeugend. Ein Großteil der Unternehmen, die GVO in ihrer Produktpalette haben, hat ohnehin schon entnervt das Handtuch geworfen und praktiziert dieses Geschäftsfeld weder in Deutschland noch in Europa. Außerdem dürften die Erinnerung niedergetrampelter Versuchsfelder kaum Anreize zu einer GVO-Forschung hierzulande setzen.

Das Thema GVO ist und bleibt ein Glaubenskrieg. Warum Gentechnik in Lebensmitteln die Gemüter erhitzt, in Medikamenten, die ebenfalls in den menschlichen Stoffwechsel gelangen, aber gemeinhin akzeptiert ist, mag aus rationaler Perspektive verwundern. Aber Glauben hat bekanntlich wenig mit Wissen zu tun.

Putzig auch die Wortschöpfungen, die sich im Lager der Kritiker um die grüne Gentechnik ranken. Wer „Genmais“, „Gensoja“ oder gar „Genpflanzen“ als solche verteufelt, der hat anscheinend eine ziemlich grundlegende Aversion gegen alle Ausprägungen der Fauna. Denn Lebewesen ohne Gene existieren bekanntlich nicht. Das macht auch das populäre Ausrufen „genfreier Zonen“ zu einer Herausforderung: Wo, fragt man sich da, haben die menschlichen Bewohner, deren Existenz ja auch auf Genen aufbaut, in einer solchen Zone Platz?

Sicher, wer Lebensmittel mit Bestandteilen von GVO ablehnt, sollte die Möglichkeit haben, um diese herumzukommen. Egal, wie man persönlich zu dieser Frage steht, ist dies Ausdruck der persönlichen Freiheit eines jeden Individuums in einer Demokratie. Und wenn eine „Ohne Gentechnik-Kennzeichnung“ dem einen oder anderen Lebensmittelproduzenten eine höhere Wertschöpfung beschert, ist dagegen nichts einzuwenden – im Gegenteil. Schließlich scheint sich bei Teilen der mündigen Verbraucherschaft der Wert eines Lebensmittels daraus zu erschließen, woraus es eben nicht besteht: Man denke nur an die Vielzahl von Produkten, die damit werben, frei von Gluten zu sein – vom eingeschweißten Gebäck bis hin zum Kochschinken. Oder von Milchprodukten, die sich durch ihre Laktosefreiheit auszeichnen.

Aber zurück zum Thema Gentechnik: In den USA setzt aktuell ein Kongressabgeordneter der Republikaner dazu an, die zahlreichen einzelstaatlichen Initiativen für eine Kennzeichnung von Lebensmitteln mit GVO-Bestandteilen per Gesetz zu ersticken. Dafür soll der vorgeschlagene „Safe and Accurate Food Labeling Act“ dienen – zu Deutsch etwa „Gesetz zur sicheren und wahrhaftigen Kennzeichnung von Lebensmitteln“. Die bisherigen Ansätze zur Positiv-Kennzeichnung auf Gentechnik-Bestandteile seien weniger dazu angetan, die Verbraucher aufzuklären, als sie in Angst und Schrecken zu versetzen, argumentiert der konservative Politiker.

Damit wären wir wieder im Reich des Irrationalen – oder, freundlicher formuliert, der Glaubensfragen – angelangt.
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