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Dr. Jürgen Struck zu Forderungen von Aldi-Süd

Nachhaltigkeit - wohl kaum ein anderer Begriff hat auch in der Agrar- und Ernährungswirtschaft in den vergangenen Jahren eine derartige Konjunktur erlebt. Über die Notwendigkeit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise besteht grundsätzlich Einigkeit, gleich auf welcher Seite. Lediglich über die Umsetzung definierter Ziele kommt es häufig zu abweichenden Einschätzungen. So werden beispielsweise umwelt- oder tierschutzorientierte Gruppen andere Auffassungen vertreten als beispielsweise die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln. 

Diese wiederum müssen in ihren Forschungsbemühungen bereits immer hohe Anforderungen an die Umweltverträglichkeit und Toxizitätsprüfung berücksichtigen, sonst erhalten sie keine Zulassung für die Wirkstoffe. Und die Anforderungen steigen weiter. Eine gute Grundlage für den Ausgleich der Interessen war immer die wissenschaftliche Expertise der begutachtenden und schließlich zulassenden Institutionen.

Kompliziert wird es jedoch, wenn nun auch Unternehmen des Lebensmittelhandels - konkret die Firma Aldi Süd - Bestrebungen der Umweltorganisation Greenpeace erfüllen und den Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel mit dem Hinweis auf eine verbesserte Nachhaltigkeit durchsetzen wollen.  So geschehen zum Ende des Jahres 2015.  Aldi-Süd hat mit Wirkung zum 1. Januar 2016 Produzenten von Obst und Gemüse in Deutschland  verpflichtet, auf acht zugelassene Pflanzenschutzmittel zu verzichten. Man sehe sich „als Impulsgeber bezüglich der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln", heißt es in einem aktuellen Schreiben an die Greenpeace-Zentrale in Hamburg. 

Dieses Vorgehen wirft eine Reihe von Fragen auf. Zum Beispiel, wie Aldi-Süd gegebenenfalls ausbleibende Lieferungen seiner Vertragspartner für  bestimmte Obst- und Gemüsesorten zukünftig kompensieren wird. Vielleicht durch Importe aus Ländern oder Regionen, in denen die Restriktionen nicht gelten? Oder: Wie verhält sich die international expandierende Aldi-Gruppe im Hinblick auf Qualitätsstandards für ihre Produkte? Gelten diese dann nur im süddeutschen Raum und nicht in Großbritannien oder neuerdings Australien? Werden Verbraucher in anderen Märkten vielleicht sogar diskriminiert?

Als Gegenbeispiel sei hier genannt, dass kürzlich ein Vertreter der ebenfalls weltweit tätigen Metro-Handelsgruppe auf dem „Global Forum for Food and Agriculture" (GFFA) in Berlin betonte, dass der Einkaufspolitik von Metro global geltende Qualitätsstandards zugrunde liegen - sowohl in Deutschland und Europa wie auch in Indien oder China. Darauf könne sich jeder verlassen.


Es ist daher gut zu erfahren, dass Aldi-Süd nun zu einer neuen Dialogrunde unter Beteiligung aller Betroffenen rät. Die massiven Proteste von Branchenverbänden gegen die Auflagen zeigen offenbar Wirkung. Wenn daraus neue sachorientierte Gespräche und eine Überprüfung der Maßnahmen entstehen, kann dies als positives Signal gewertet werden.     

Ziehen wir ein Fazit: Die nachhaltige Wirtschaftsweise bleibt ein hohes Ziel und wird die Zukunft entscheidend prägen. Es soll und muss mit allen Mitteln wissenschaftlicher und technischer Art verfolgt werden. Dazu ist in erster Linie Sachverstand gefragt. Unrealistische und überzogene Wunschvorstellungen und Forderungen können zu fahrlässigem Verhalten und Gefährdungen führen. Nachhaltigkeit beinhaltet immer Verantwortung  für die Lebensgrundlage - für Umwelt, Verbraucher  und auch die Produzenten.  In diesem Sinne ist der andauernde Dialog zwischen allen Beteiligten unverzichtbar. Aber der Sinn für das Machbare muss auf dieser Gratwanderung  erhalten bleiben.
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