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Stefanie Pionke zum Kulturkampf um die Teller

Vegetarier, Flexitarier, Veganer, Grillmeister. Um Deutschlands Teller ist der Kulturkampf ausgebrochen. Und nun das: Christian Rauffus, Chef der Rügenwalder Mühle, lobt im „Handelsblatt" den Veggie-Day, jene Anregung der Grünen für einen fleischlosen Tag in den Betriebs-, Behörden- und Institutskantinen. „Ich bin der Meinung, dass wir zu viel Fleisch und Zucker essen und zu viel Alkohol trinken", sagt der Fleischverarbeiter und Wurstproduzent. Und setzt noch einen drauf: Ja, Sojaschnitzel kämen als Erweiterung des Produktportfolios durchaus in Frage.

Vor nicht allzu langer Zeit stand in der Wochenend-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel, der sich mit folgender Fragestellung auseinandersetzte: Hat die Diskussion um das Für und Wider des Fleischkonsums das Zeug, zu einer neuen Nichtraucher-Debatte zu werden? Momentan kann man durchaus den Eindruck gewinnen. Die zeitgenössischen Vegetarier seien keine batikgewandeten, ideologisch aufgeladenen Randfiguren wie vielleicht noch vor zwanzig Jahren, so die Argumentation des Autors. Im Gegenteil: Die Vegetarier und Veganer von heute seien oft überdurchschnittlich gebildet, politisch nicht auf die Ökoschiene festgelegt und erfolgreich. Also durchaus in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zudem lässt der mediale Strom an mutmaßlichen Horrormeldungen aus der "Massentierhaltung" Fleischesser in einem moralisch zweifelhaften Licht erscheinen.

Folgt man der Analogie zwischen Nichtraucher-Debatte und der Diskussion um den Fleischkonsum weiter, wäre folgende Entwicklungslinie vorgezeichnet: Neben „Raucherkneipen“ und „Raucher-Clubs“ wird es bald auch „Fleischesser-Clubs“ und „Schnitzelbistros“ geben. Der Verbraucher müsste sich dann entscheiden, ob er das gesundheitliche Risiko auf sich nimmt, sich in so einem Etablissement aufzuhalten. Wer sich in den Fleischfresser-Spelunken rumtreibt, würde ein gesellschaftliches Stigma tragen – genau wie heute schon jene verschämten Gestalten auf Bahnsteigen, die innerhalb der mit weißer Farbe auf den Asphalt gepinselten Quadrate verstohlen an ihren Zigaretten ziehen. Fleischwerbung im Kino und Fernsehen wäre tabu.

Doch hat diese Dystopie für Fleischerzeuger und –esser das Zeug, Wirklichkeit zu werden? Einen fundamentalen Unterschied zur Nichtraucher-Debatte gibt es: Wer Fleisch isst, fügt seinen Mitmenschen in seiner Umgebung keinen gesundheitlichen Schaden zu. Passivrauchen dagegen ist gesundheitsgefährdend. Aus ordnungspolitischer Sicht ist der Handlungsbedarf also geringer. Vielleicht muss der eine oder andere Grillmeister sich künftig schiefe Blicke gefallen lassen, wenn er in einer öffentlichen Grünanlage Würstchen brutzelt. Doch wer gerne Fleisch essen möchte, wird dem standhalten. Vielleicht wird es zur Routine, dass man auf Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen wie einer Hochzeit aufgefordert wird, besondere Essenswünsche anzugeben: Fleisch oder vegan. Früher musste für die versprengten Vegetarier unter den Gästen ein Extra-Menü bereitgestellt werden.

Dass Menschen sich mit dem Thema Ernährung und somit auch mit Lebensmitteln stärker auseinandersetzen, ist zunächst einmal zu begrüßen. Oft genug hat die Agrarwirtschaft eine höhere Wertschätzung – übersetzt: Zahlungsbereitschaft – für Nahrungsmittel gefordert. Vielleicht ist ein positiver Effekt der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über die Produktionsweisen der Agrar- und Ernährungswirtschaft, dass die Verbraucher ein stärkeres Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln entwickeln.
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