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Horst Hermannsen zum Mindestlohn

Arbeitsplatzverluste, ja sogar Höfesterben, befürchten Verbände der Land-, Agrar- und Ernährungswirtschaft für den Fall, dass ab 2015 auch für die landwirtschaftliche Saisonarbeit der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro gilt. Der Deutsche Bauernverband - als knallharter Rechner bekannt - erwartet gar Preisaufschläge, je nach Produkt und Anbaubetrieb von bis zu 30 Prozent. Ein wahres Horrorszenario, das hoffentlich ein funktionierender Wettbewerb abmildert. Ein sozialer und ökonomischer Unfug ist der Mindestlohn dennoch.

Wer, um alles in der Welt, beschützt die Armen und Schwachen vor den sozialistischen Menscheitsbeglückern der Bundesregierung? Es ist ja alles so gut gemeint und entspricht dem Zeitgeist. Aber gut gemeint ist eben selten gut. Mindestlöhne sind vor allem ein probates Rezept zur Vernichtung von Arbeitsplätzen. Sie sichern zwar höhere Löhne, aber nur für die, die ihren Job auch behalten. Die anderen Löhne allerdings drücken sie auf Null.
Verehrte Frau Arbeitsministerin Nahles, ich verrate Ihnen ein Geheimnis: In einer Marktwirtschaft kann ein Unternehmen nur dann überleben, wenn seine Beschäftigten mehr erwirtschaften als sie kosten, und das hat für Arbeitsverhältnisse an der Grenze zur ökonomischen Rentabilität gewisse Konsequenzen. Hier heißen die Alternativen nicht: „Mindestlohn oder weniger als Mindestlohn", sondern „weniger als Mindestlohn oder gar kein Lohn". Solange Unternehmen nicht gezwungen werden können, Arbeitskräfte einzustellen, werden sie auf längere Sicht nur solche Mitarbeiter halten, die mehr produzieren, als sie kosten. Und wenn die Bundesregierung die Kosten für Arbeitskräfte künstlich nach oben schraubt, dann werden die Unternehmen eben auf Kräfte an der Rentabilitätsgrenze verzichten. Einige haben diese Reaktion bereits angekündigt. Wie gemein doch das reale Leben sein kann.

Mit ihrem Gesetz, so sagt Andrea Nahles, will sie das Ende der Generation Praktikum einläuten. Da weiß die Ministerin wirklich, wovon sie spricht. Immerhin gehört die SPD zu den Parteien, die ihre Praktikanten am schlechtesten bezahlen. Gleichzeitig kämpfen die Sozialdemokraten aber mit großer Rhetorik für eine Mindestvergütung. Erst kürzlich hat sich ein gutgläubiger Student, der für sein Masterstudium ein Pflichtpraktikum benötigt, deshalb bei der ehemaligen SPD-Justizministerin und heutigen parlamentarischen Staatssekretärin Brigitte Zypries beschwert. Er wurde umgehend gefeuert - mit Wissen von Frau Nahles. Das Positive daran: Der junge Mann hat gleich etwas fürs ganze Leben gelernt. Ob ihn das tröstet?

Für die Agrarverbände gibt es in jedem Fall etwas Tröstliches. Im Moment spricht vieles dafür, dass die Landwirtschaft eine Übergangslösung bekommen wird. Damit dürfen wohl die Bauern bis Ende 2016 die 8,50 Euro bei der Bezahlung ihrer Mitarbeiter unterschreiten. Zwei Jahre haben sie dann mehr Zeit, die Löhne schrittweise an die neuen gesetzlichen Untergrenzen anzupassen. Dies sollte reichen, um ein Höfesterben allein wegen des Mindestlohns zu verhindern. Das ist beruhigend.
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