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Dagmar Behme zur Ethanolpolitik der USA

In den USA wird heftig um das Ethanolmandat gerungen. Tierhalter fordern, dass die Regierung kurzfristig für die Verarbeitung von Mais zu Ethanol die Notbremse zieht. Doch Washington müsste grundsätzlich die Biokraftstoffpolitik der USA prüfen. Sie ist eine gigantische Fehlkonstruktion, die Teilen der Agrarindustrie sprudelnde Gewinne beschert.

Um die Dimension der US-Ethanolindustrie zu verstehen, lohnt ein Blick auf den gesamten Treibstoffverbrauch. Die 312 Millionen Einwohner der USA tanken insgesamt vier Mal so viel Benzin wie die rund 500 Millionen Einwohner der 27 EU-Staaten zusammen. Selbst im nationalen Dieselverbrauch liegen die Amerikaner vor den Europäern, obwohl Dieselmotoren bei Privatleuten in den USA nicht sonderlich beliebt sind. Noch unpopulärer ist es dort jedoch, den Individualverkehr oder den Spritverbrauch zu begrenzen. „Drive-in" ist das motorisierte Symbol für den energieintensiven „American Way of Life".

„Amerika ist süchtig nach Öl", wusste bereits George W. Bush, in dessen Ära als US-Präsident die Erfindung des Renewable Fuel Standard (RFS) fiel. Ein schnell steigender Biokraftstoffanteil im Tank sollte die Abhängigkeit von Ölimporten verringern und gleichzeitig auch noch das Klima schonen. Konsens war aber bereits damals, dass dieses Wachstum nicht mehr ausschließlich auf Agrarrohstoffen basieren darf, die auch als Nahrungsmittel dienen.

Die Zauberformel heißt in den USA seit Inkrafttreten des RFS Ethanol aus Zellulose. Die Verantwortlichen haben in dem Standard festgelegt, dass bis zum Jahr 2021 Ethanol aus Getreidestroh, Maisspindeln oder Holzabfällen mit riesigen Mengen von 61 Mrd. Liter zum Biokraftstoffverbrauch der Staaten beiträgt. Mit Zellulose dreschen die Amerikaner aber bislang nur leeres Stroh. Der Wundertreibstoff tröpfelt lediglich aus hoch subventionierten Forschungsanlagen. Vorerst ist der große technologische Durchbruch auch nicht absehbar.

Einen Ausweg bietet Brasilien, wo Ethanol aus Zuckerrohr gewonnen wird. Der brasilianische Biotreibstoff weist nach dem Urteil von US-Umweltpolitikern eine wesentlich günstigere Treibhausgasbilanz als Ethanol aus Mais auf. Deswegen sind 2011 schon etwa 660 Mio. Liter brasilianischer Ethanol in die USA geflossen, schätzen Marktbeobachter. Seltsam mutet jedoch an, dass gleichzeitig die US-Hersteller im vorigen Jahr etwa 1 Mrd. Liter Ethanol nach Brasilien geliefert haben sollen.

Agrarexperten der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO und der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD rechnen sogar damit, dass dieser Ethanolhandel im Gegenstromprinzip in den kommenden Jahren auf ein Vielfaches anschwellen wird.
 
Dass am brasilianischen Inlandsmarkt Bioethanol in der Folge knapp wird, beschert den amerikanischen Anbietern zusätzliches Geschäft. Sie schließen die Lücke mit ihrem Ethanol aus Mais. Denn in einer Mischkalkulation können sie preiswerter nach Brasilien liefern, weil diese Exporte ein Ventil für Mengen bieten, die über das nationale Biokraftstoffmandat in den USA hinausgehen.

Mit diesem Warenaustausch geht die Klimabilanz der USA auf. Doch der Kreis schließt sich nur scheinbar. Das System verspricht zwar den US-Maiserzeugern und der US-Biokraftstoffbranche steigende Gewinne, ein darüber hinaus gehender Nutzen lässt sich mit gesundem Menschenverstand aber nicht erkennen.

Wenn allein die Politik solche grotesken Handelsströme in Gang setzt, ist Washington in eine Sackgasse geraten.
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