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Daphne Huber-Wagner zur Landes-Agrarpolitik

Nun bekommt auch Sachsen-Anhalt eine grüne Agrarministerin. Claudia Dalbert hat sich in der Wissenschaft als Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität in Halle längst einen Ruf erarbeitet. In der Landwirtschaft muss sie sich erst noch Anerkennung erwerben. Doch diese Chance bekommt jeder Politiker, der als fachfremder Minister seinen Dienst antritt. Noch heute erkennt und benennt Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) bei einer Überlandfahrt sofort jeden Kasernenstandort der Bundeswehr. Schließlich kommt er aus dem Verteidigungsministerium, bis er als CSU-Franke in das auch für ihn erst einmal völlig unbekannte und brisante „Leben auf dem Land“ wechselte.

Nur weil Dalbert ein grünes Parteibuch besitzt, gehört es sich nicht, ihr von Beginn an, mit Skepsis und Abwehrpose gegenüberzutreten. Das müssen sich alle eingestehen, die ihre Abneigung gegenüber einer Grünen schon vor deren Ernennung auf dem Magdeburger Marktplatz offen und deutlich kundgetan haben. Wobei nicht ganz auszumachen war, gegen wen sich der Unmut der Landwirte mehr richtete: gegen die Grünen, die nach einer demokratischen Wahl in einer Ampelkoalition mitregieren, oder an die Adresse des Ministerpräsidenten Rainer Haseloff, der nach Ansicht der Demonstranten die ostdeutsche Landwirtschaft an die Grünen verkauft hat.

Auch der ostdeutsche Berufsstand muss sich an einen grünen Anstrich in der Agrarpolitik gewöhnen, der in sechs West-Bundesländern längst zum Alltag gehört. Und dort zeigt sich, dass grüne Agrarminister die konventionelle Landwirtschaft nicht abschreiben, sondern im Dialog nach Lösungen suchen. Von Hysterie ist in NRW, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nichts zu spüren. Dafür mehrt sich das Kopfschütteln über manch mangelnde Fachkenntnis der linken Agrarministerin im Nachbarland Thüringen. Hier hatte der Bauernverband auch mächtig dagegen gewettert, als Bodo Ramelow einen Vertreter der Grünen vorschlug. Nach mehr als einem Jahr schüttelt so mancher Landwirt den Kopf über die Nichtbeachtung des Berufsstandes im Erfurter Ministerium für Infrastruktur. Die Landwirtschaft ist ziemlich in den Hintergrund geraten. Wenn es brennt, wendet sich der Bauernverband in Thüringen lieber direkt an den Landesvater Ramelow.

Claudia Dalberts Spezialthema an der Universität ist seit vielen Jahren die Gleichberechtigung. Mit ihrem Wissen um dieses wertvolle Gut ist sie vielen ihrer neuen Gesprächspartner voraus. Die Landwirtschaft steht in der Gesellschaft am Pranger. Dalbert nimmt ihren Regierungsauftrag ernst und will auf keinen Fall einen ideologischen Wechsel riskieren. Der Koalitionsvertrag zwingt sie zu besonnenem Handeln in der Tierhaltung und bei der Reform der Bodengesetze. Übrigens hatte schon ihr Vorgänger von der CDU, Dr. Hermann Onko Aeikens, versucht, die Verkäufe von Unternehmensanteilen an ortsfremde Investoren, wenn nötig per Gesetz einzuschränken. Er ist damit vor einem Jahr an der Gegenwehr der Agrarunternehmer kläglich gescheitert. Viele Landwirte fühlten sich in ihrem Berufsausübungsrecht eingeschränkt und waren so erbost, dass sie den umsichtigen Agrarökonomen aus dem Amt werfen wollten.

Der neue Bauernpräsident Olaf Feuerborn macht es richtig. Er schaut jetzt nach vorne und hat Dalbert mit seinem Glückwunschschreiben auch gleich um einen Gesprächstermin gebeten. Nur so können die dringlichsten Probleme wie die Milchkrise und die Vergrößerung der Kastenstände für Zuchtsauen schnell gelöst werden. Auch der Waldbesitzerverband, der in der vordersten Reihe auf dem Marktplatz stand, bemüht sich um Schadensbegrenzung. Die Ministerin hat sogar eine Einladung zur Mitgliederversammlung im Haus des Waldes auf Schloss Hundisburg am Samstag bekommen. Dalbert wird sich bestens darauf vorbereiten. Denn dass nun Fachwissen gefragt ist, war ihr schon auf der kleinen Feier zur Amtsübernahme am vergangenen Montag klar. Es wird vorerst ihr letzter freier Abend gewesen sein. Jetzt ist knallhartes agrar- und umweltpolitisches Tagesgeschäft angesagt. Gleichberechtigt an ihrer Seite steht ihr neuer Staatssekretär Dr. Ralf Peter Weber. Bis Anfang dieser Woche war er Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Anhalt. Die Wahl spricht für Dalberts Wunsch, gemeinsam für den Berufsstand zu arbeiten.
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