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Brigitte Stein zur Schweizer Kartoffelbilanz

Haben Sie es auch irgendwo gelesen? Die Hälfte der Kartoffelernte geht auf dem Weg vom Acker bis zum Teller verloren! Das ist ja wirklich allerhand! In Zeiten, in denen der Lebensmittelverschwendung auf allen Ebenen der Kampf angesagt wird, wird diese Wissenschaftsmeldung gerne gedruckt. Herausgefunden haben es Schweizer Wissenschaftler vom Agroscope und der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) Zürich.

Besonders schlimm: Von den guten Öko-Kartoffeln landen sogar 55 Prozent nicht auf dem Teller, während von den konventionellen Knollen nur 53 Prozent verloren gehen. In der Verarbeitung immerhin sind die Öko-Pommes-Hersteller und sicher auch die Verbraucher sparsamer als die konventionellen Hersteller und Knabberer.

Das zu errechnen war sicher viel Arbeit. Erfasst wurden alle Verluste: Beim Roden, im Lager, in der Abpackung, bei Pommes- und Chips-Herstellern sowie im Einzelhandel. Sogar die Verbraucher mussten wiegen, wie viel wertvoller Schälabfall in der Tonne landet. Tatsächlich werfen die Verbraucher verschwenderische 15 Prozent am Ende der Verlustkette weg. Ein Viertel der Ernte bleibt schon beim Landwirt auf der Strecke.

Das ist doch empörend! Wer ist denn Schuld an der Verschwendung? Wer muss sich ändern? Die Wissenschaftler deuten mit dem Finger auf Verbraucher wie Landwirte gleichermaßen. Die Landwirte sollen robuste Sorten anbauen und vorsichtiger kultivieren. Die Verbraucher sollen sich nicht so wählerisch geben und auch schorfigen und unförmigen Knollen die Ehre erweisen. Außerdem wissen junge Verbraucher offenbar zu wenig, wie sie sparsam mit den Lebensmitteln umgehen, heben die Experten den mahnenden Zeigefinger.

Aha. Und jetzt? Robuste Knollen anbauen? Da werden sich die Liebhaber alter und wohlschmeckender Sorten sicher empören über die Agrarindustrie. Oder: Den Verbrauchern und dem Handel schorfige, hutzelige Knollen anbieten? Das wird mit deftigen Preisabschlägen und Schlimmerem bestraft. Dass eine schlechte Partie den ganzen Markt stören kann, davon haben die Rechenkünstler der ETH sicher noch nichts gehört.

Gerade engagierte und gut situierte Verbraucherinnen haben da sicher ihre eigenen Lösungswege. Ich sehe sie schon im Herbst über die gerodeten Kartoffelfelder krauchen, die wertvollen, verlorenen, verschwendeten Kartoffeln aufsammeln, um sie wie Schätze nach Hause zu tragen und möglichst verlustfrei zu verzehren. Sie schwärmen von der Nachkriegszeit, als ihre Großmütter die Familie mit diesem Brauch durch den Winter brachten. Herrlich!

In späteren Jahren sind im Zuge der Einkellerung regelmäßig über den Winter eine Menge Kartoffeln in den Kellern verrottet. Die hat nur keiner gezählt. War früher jetzt alles besser – oder doch nicht?
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