--

Horst Hermannsen zum Schweinemarkt

Kommentare der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) sind von den Formulierungen her meist unterhaltsam, wenngleich der Inhalt selten überrascht. In der Regel wird den Klagen über zu niedrige Schweinepreise breiter Raum geboten, häufig versehen mit dem Hinweis, dass die bestimmenden Parameter eigentlich auf höhere Erlöse hinweisen. Aber, so der Vorwurf, die gewaltige Macht maßgeblicher Schlachtereien in Deutschland würde dies regelmäßig verhindern. Und in der Tat passiert zurzeit in der Brache wieder einmal Empörendes.

Die Schlachter beugen sich nicht so ohne Weiteres den Preiswünschen der VEZG. Zynisch wie die Schlachtbranche nun mal so ist, prüft sie zunächst, ob ein „Vereinigungspreis“ der tatsächlichen Marktlage entspricht. Ist dies nicht der Fall, dann werden auch mal Hauspreise genannt, von denen man annimmt, dass sie sich im Weiterverkauf rechnen. Dahinter vermutet die Interessensgemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) ein übles Spiel. Die Schlachter, so die Vorhaltung, versuchen Preisfindungen der Erzeuger aus den Angeln zu heben.

An dieser Stelle ist nun der ISN-Vorsitzende Heinrich Dierkes gefordert. Dierkes ist ein beneidenswerter Mensch, weil er sich auch in schwierigen Zeiten ein geschlossenes Weltbild bewahrt. Er weiß genau, wo Freund und Feind ist. Für ihn ist das Vorgehen der marktdominierenden Schlachtunternehmen schlicht inakzeptabel. „Hier wird anscheinend gezielt versucht, die Erzeugernotierung zu schwächen und eigene Wunschpreise durchzusetzen. Jeder Schweinehalter ist jetzt gefragt, durch eigenes Vermarktungsverhalten die Hauspreisaktionen der großen Schlachter zu quittieren“, rät der unbeugsame Marktkenner.
Aber wie soll denn dieses Quittieren letztlich aussehen? Immerhin nehmen die Schweineschlachtungen zu und der Fleischverzehr ab. Vom Export, auf den man angesichts des gestiegenen Selbstversorgungsgrades so dringend angewiesen wäre, gibt es düstere Nachrichten. Das Geschäft mit Russland hat sich die EU durch das bekannte Wirtschaftsembargo selbst verbaut. Die Rechnung dafür bezahlt noch für viele Jahre auch die Landwirtschaft. China hat Konjunkturprobleme und die Abwertung des Yuan behindern Schweinefleischimporte ins Reich der Mitte.

Und wie sieht es in der EU aus? Hier hat ein Hauen und Stechen eingesetzt. In Frankreich gehen Fleischlieferungen in Flammen auf. Bauernvertreter und Politik beschuldigen unisono die deutsche Konkurrenz, die mit angeblicher Massentierhaltung und Billiglöhnen „illoyal“ den Markt überschwemme. Der Präsident der Republik, Francois Hollande, hat den Verzehr nationalen Schweinefleischs zur Pflicht erklärt. Sein Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll verdonnerte per moralischem Appell die Käufer an Fleischbörsen, mindestens 1,40 €/kg zu bezahlen. Und tatsächlich geloben einige Supermärkte politischen Gehorsam.

Aber ausgerechnet Verarbeiter, die im Besitz der Bauern sind, verweigerten sich mit der Begründung: Der politische Preis von 1,40 € sei zu hoch. Man wolle nicht den Ruin der eigenen Schlachthöfe riskieren. Eine kluge Entscheidung, die gerade in Deutschland Verständnis hervorrufen sollte. Schließlich haben hier die Bauern viel Geld und den größten Teil ihrer genossenschaftlichen Vieh- und Fleischwirtschaft wegen scheinbar zu bauernfreundlicher Geschäftspolitik schon vor Jahren verloren. Daraus sollte man gelernt haben: Nicht wer heute die höchsten Erzeugerpreise bezahlt, ist der beste Partner des Bauern, sondern der, der auch morgen noch als sicherer Abnehmer zur Verfügung steht.

Wenn es für die jetzige Misere überhaupt einen Schuldigen gibt, dann ist es der Markt. Das ebenso simple wie brutale Gesetz von Angebot und Nachfrage ist stärker als alle Politiker und Interessensvertreter zusammen. Das wissen natürlich auch die Funktionäre von VEZG beziehungsweise ISN. Sie passen nach wortreichem Grollen – das angeblich die Bauern von ihnen erwarten – ihren „Vereinigungspreis“ stets den Marktverhältnissen an.
stats