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Horst Hermannsen zur Milchmarktkrise

Zunächst rief der BDM seine Mitglieder zum Marsch auf die Feldherrenhalle nach München. Danach trafen sich 6000 Milchbauern mit großer Diesel- und Dezibelstärke in Brüssel, um mit brennenden Reifen, Stein- und Eierwürfen, Böllern, Bengalos und Hubkonzerten gegen - ja, um gegen was eigentlich, zu protestieren? Jetzt fällt es mir wieder ein, sie empörten sich, weil sie mehr Milch erzeugen, als der Markt zu kostendeckenden Preisen derzeit aufnehmen kann.

Sie protestierten dagegen, dass sie, vom süßen Gift staatlicher Subvention angelockt, ihre Ställe vergrößern und Herden aufstocken. Wer heute einen Milchviehstall errichtet, darf mit bis zu 40 Prozent verlorenem Zuschuss rechnen. Die wütenden Bauern widersetzen sich einfachsten Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft. Sie lehnen sich dagegen auf, dass der Lebensmittelhandel niedrigere Einstandspreise an die Verbraucher weitergibt. Sie bieten der Öffentlichkeit ein entwürdigendes Bild.

Doch kann man den Bauern ihren Ärger verdenken? Ja! Sie weigern sich partout, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Die aktuelle Milchmarktkrise ist auch hausgemacht. Wieder rufen sie nach dem ungeeignetsten Helfer in der Not, nach dem Staat, der Politik. Und das Schlimme daran, ihr Ruf wird zum Teil erhört. Das bedeutet nichts Gutes.

Bauern, die am lautesten schreien, am brutalsten ihren Unmut vorbringen, kommen aus Frankreich. Das hat Tradition. Sie verloren ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die Erklärung liegt auf der Hand: In keinen anderen EU-Land ist die staatliche Fürsorge für die Landwirte so ausgeprägt wie in Frankreich. Nicht nur dort kauft die Politik mit Finanzspritzen, Beihilfen, Zuschüssen, Anschubfinanzierungen, und was es noch so alles im Subventionsuniversum für schöne Instrumentarien gibt, Wählerstimmen. Die Daseinsberechtigung von Landwirtschaftsministerien erschließt sich erst, wenn man sie als oberste Subventionsverteilerstellen begreift. „Die Geschichte der Agrarpolitik ist eine Geschichte ungewollter Nebeneffekte", beklagt DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer. Und diese Nebeneffekte entwickeln sich häufig zum Hemmschuh einer unternehmerischen Landwirtschaft.

Nun sollen wieder einmal 500 Mio. € als Soforthilfe für die Milchbauern gezahlt werden. Darüber hinaus ist eine europäische Exportoffensive in Aussicht gestellt. Dabei dachte ich, die hätten wir längst, aber sie ist wirkungslos, weil die Weltwirtschaft schwächelt, Indien und China wenig und Russland gar nichts mehr abnimmt. Erzählen Landwirtschaftsminister nicht ständig, wo sie überall auf der Welt für ihre Bauern wieder einmal Marktchancen eröffnet haben? Sie ähneln Finanzberatern, die sich von ihren Kunden feiern lassen, wenn Aktien steigen und in Erklärungsnot kommen, wenn sie fallen. Wirklich Einfluss haben sie nicht.

Und wie sieht es mit den Verbänden aus? Einige von ihnen verlangen ein System, mit dem die Produktionsmengen gekürzt werden. Dabei ist das doch ganz einfach: Melkt weniger! Solche Vorschläge zeugen von Weltfremdheit. Deutsche Milcherzeuger sind nicht allein auf der Welt. Seit Mitte 2014 steigt global die Milchproduktion und die Preise sinken.

Dann gibt es noch die Forderung nach höheren Verbraucherpreisen, denen die Politik gerne hinterherhechelt, wie etwa Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Der weiß es genau: „Mit einem Euro je Liter Milch im Lebensmittelhandel kann der Bauer leben.“

Nun habe ich nach langer Überlegung Lösungen des Problems gefunden, welche den Anforderungen der Verbände und der Politik gerecht werden - und zwar für alle Produkte: Handel, Molkereien, Schlachtereien sollen nur noch die Mengen abnehmen, die zu den von den Landwirten geforderten Preisen verkauft werden können – der Rest bleibt auf den Höfen. Oder noch besser: Die zerstrittenen Bauernorganisationen tun sich zusammen und kaufen den Lebensmittelhändler Tengelmann, um dann den anderen Händlern zu zeigen, wie man es richtig macht.
Diese Ideen sind doch fast so genial wie ein freiwilliger Milchlieferverzicht gegen Bonuszahlung – oder?
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