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Katja Bongardt zu Ministerinnen, die die Sau raus lassen

Was ist schlimmer: Ein Schwein, das in der Gruppe von einem anderen Schwein verletzt wird oder ein Schwein, das in einem Kastenstand steht? Solch eine Diskussion könnte man in Deutschland führen. Sie wäre wichtig. Tut man aber nicht.


Denn die Wahrheit ist ja schon ausgemacht. Da, wo es Stroh und Platz gibt, ist die Welt anscheinend in Ordnung. Dabei weisen nicht nur Praktiker sondern auch Wissenschaftler darauf hin, dass Gruppenhaltung bei Sauen problematisch ist und Tieren schaden kann. Insbesondere denjenigen, die in den Rangkämpfen unterlegen sind. 


Wie die Eröffnung des neuen Deckbereichs im Zentrum für Tierhaltung und Technik in Iden zeigt, kann aber ohne Widerstand durchregiert werden. Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerin Claudia Dalbert (Bündnis 90 /Die Grünen) ließ dort ungestört die "Sau raus", wie es in Pressemitteilungen hieß. Die Tiere wurden medienwirksam in den "nach umfangreichen Baumaßnahmen" fertiggestellten Gruppenhaltungsstall entlassen.


Ausgerechnet Sachsen-Anhalt, ausgerechnet das Bundesland, dessen Hauptstadt Magdeburg mit dem gleichnamigen Urteil für zerstörerische Produktionsbedingungen in der Sauenhaltung sorgt. Die Politik nutzte den Termin geschickt. Dalbert sorgte für "glücklichere Schweine" wie ihr Ministerium vermeldete und machte sich dann auf zur Agrarministerkonferenz nach Hannover. Dort steht das Thema Kastenstand auf der Agenda.


Dieser Termin war eine Steilvorlage für diejenigen Landwirte, die unter den neuen Regeln zur Schweinehaltung zu leiden haben. Doch die Chance vor Ort und damit ebenso medienwirksam, auf Ungleichgewichte aufmerksam zu machen, verpuffte nahezu ungenutzt. Obwohl sogar die landwirtschaftliche Fachpresse einen regelrechten Aufruf startete, nach Iden zu kommen und den eigenen Standpunkt klar zu machen, war die Beteiligung mau. Je nach Quelle fanden sich nur zwischen 15 und 25 Demonstranten ein. Einer der Protest-Organisatoren, der Berater Dirk Hesse, zeigte sich enttäuscht von dem fehlenden Engagement der Landwirte. "In Deutschland muss man langsam aufwachen. Diese Aktionen sind wichtig, um auf die Problematik ideologisch geprägter Entscheidungen aufmerksam zu machen." 


Recht hat er. Iden ist nur ein kleines Beispiel. Doch es zeigt eines deutlich: Wer sich das Heft aus der Hand nehmen lässt, darf sich nicht wundern, wenn über ihn hinwegregiert wird. Ein paar wenige, ewig engagierte reichen eben nicht als Interessensvertreter aus.
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