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Dr. Jürgen Struck zum Zukunftsdialog 2016

Krisen bringen Veränderungen - vielleicht aktuell auch für die Wahrnehmung der Landwirtschaft. Konnte sich „die Gesellschaft" einschließlich der Politik in den vergangenen Jahren an Fragen zur Art und Weise der landwirtschaftlichen Erzeugung abarbeiten, so rücken nun andere Probleme in den Vordergrund. Besonders die gegenwärtige und sich weiter verschärfende Preiskrise an den Agrarmärkten bringt Erzeuger und ganze Sektoren der Agrarwirtschaft in Deutschland in Bedrängnis. Es geht um die Existenz vieler landwirtschaftlicher Betriebe und die Zukunft des Agrarstandortes Deutschland. Auch die Politik muss sich neu orientieren.

Gut erkennbar wurden diese Entwicklungen auf dem„Zukunftsdialog Agrar und Ernährung" in dieser Woche in Berlin. Zum dritten Mal hatten „agrarzeitung (az)" und „Die Zeit" zum Meinungsaustausch zwischen Landwirtschaft, Wissenschaft und Industrie, Nichtgerierungsorganisationen (NGO) und Politik geladen.  

Ergebnis 1: Die alten Schlachten zwischen Bio und konventionell, Groß und Klein, Gut und Böse verlieren an Schärfe und werden bedeutungsloser. Vielleicht wurden sie ohnehin nur von Interessengruppen angeheizt und politisch instrumentalisiert. Angst machen ist keine Strategie mehr.

Ergebnis 2: Landwirtschaft und auch die Ernährung sind vielfältig und werden es auch bleiben. Es gibt Raum für alle gesellschaftlichen Bedürfnisse. Das sehen auch Verbraucherverbände im Einklang mit der Lebensmittelindustrie so. Sicher sind die Lebensmittel ohnehin, und die Komponente „Genuss" erhält stärkere Bedeutung.

Ergebnis 3: Auch die Ratio setzt sich stärker durch. Tierwissenschaftlerin Prof. Ulrike Weiler warnt zu Recht bei Betrachtung der  Tierhaltung vor dem „CO-2-Tunnelblick" - Zielkonflikte der landwirtschaftlichen Erzeugung müssen stärker angesprochen und in das Bewusstsein auch der politisch Verantwortlichen gerückt werden. 

Schöne neue Welt also? Mitnichten.

Zwar scheint sich in vielen Punkten die Einstellung der Gesellschaft zu „Agrar und Ernährung" rasch zu entkrampfen, doch rückt nun zunehmend die Seite der Erzeuger in den Fokus. Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) äußerte sehr überzeugend seine Sorgen um den ländlichen Raum. In der Politik ist sehr wohl angekommen, welch dramatische Auswirkungen die gegenwärtige Preiskrise für die Strukturen auf dem Lande haben kann. Dem muss die Politik begegnen, sonst droht der Verlust wichtiger Wirtschaftsbereiche, und - auch das kann gesagt werden - eine neue politische Orientierung im ländlichen Raum.

Es wird immer deutlicher, dass die Landwirtschaft in ihrer Gesamtheit nicht mehr zum Spielfeld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen geeignet ist. Viel zu lang ist dies geschehen und hat der Stimmung „auf dem Lande" massiv geschadet. Die Preiskrise kommt jetzt hinzu. Landwirtschaft und Ernährung erscheinen vor diesem Hintergrund in neuem Licht.
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