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Brigitte Stein zur Nachrichtenlage

In unseren schnelllebigen Zeiten wird in den Medien gerne jede Woche eine andere Sau durchs Dorf getrieben. Der Blick für langfristige Themen ist dadurch getrübt. Das aktuelle Beispiel dazu liefert der Jubel über die ach so fortschrittlichen Iren. Per Referendum ist nun entschieden, dass Homosexuelle dort in ihrem Beziehungsleben Heterosexuellen rechtlich gleichgestellt werden. Ausgerechnet in dem Land, das uns als solide katholisch geprägt gilt, eine solche Entscheidung!

Deutsche Medien und Interessengruppen stimmen begeistert ein Plädoyer an: Einen solchen Wandel zur Moderne und Aufgeklärtheit sollten wir auch vollziehen. Die katholische Kirche in Rom sieht ihre Schäfchen davonlaufen und reagiert wie gewohnt: mit Strenge.

Dabei haben die Nachrichten aus Irland eigentlich viel mehr zu bieten. Das verschwindet allerdings hinter der plakativ zu illustrierenden Debatte über homosexuelle Ehen. In Irland ist das Maß offenbar voll. Strenge und Autorität sind wirkungslos geworden. Sogar das gewohnte Parteiensystem könnte ins Rutschen geraten. Das ist die eigentliche Botschaft von der Grünen Insel.

Verschleierte Abgabenerhöhung

Dies offenbart ein echtes irisches Aufregerthema, das es nur selten in deutsche Medien geschafft hat, weil es einfach nicht attraktiv ist: die Trinkwasserfinanzierung. Dabei treibt das Thema seit mehr als einem Jahr wirklich Zehntausende auf die Straßen. Auslöser ist, dass im wasserreichen Irland die Finanzierung der Trinkwasserversorgung umgestellt wird von einer Steuerfinanzierung auf eine Abrechnung nach Verbrauch. Seit 2010 ist dieser Paradigmenwechsel im Gang, der vor allem die Abgabenlast der Bevölkerung erhöhen wird. Ein einziges nationales Unternehmen wurde gegründet. Lokale Wasserversorger wurden darauf verschmolzen, damit erreichen die Verwaltungskosten Wut provozierende Dimensionen.

Seit in den Haushalten Wasserzähler montiert werden und für alle die erste Rechnung näher rückt, haben die Proteste an Dynamik gewonnen. Neben einer grundsätzlichen Ablehnung ist es offenbar die pure Not, die massenhaft irische Durchschnittsfamilien mit Kindern zu Protesten auf die Straße treibt. Abgeordnete und Aktivisten, die ihre Zahlungsverweigerung kundtun, werden verhaftet – und freigelassen, um keine Märtyrer zu schaffen. Die Ankündigung, säumigen Bürgern das Wasser abzustellen, hat die Empörung verständlicherweise angefacht. Obwohl die Regierung mittlerweile ein wenig eingelenkt und zum Start moderate Fixpreise festgesetzt hat, ebbt der Ärger nicht ab. Ein Drittel der Iren hat sich noch immer nicht registrieren lassen.

Europäische Dimension

Und aufgepasst: Das ist kein irisches Problem. Bei den Demonstrationen, bei denen auch schon mal Baumaschinen der Wasserwerke brennen oder missliebige Abgeordnete bedroht werden, taucht immer wieder die griechische Flagge auf. Denn die Iren fühlen sich mit dem Verlust ihres Rechts auf Wasser als Opfer der europäischen Austeritätspolitik und damit den Griechen nahe. Tatsächlich stammt die Idee mit den Wasserzählern von der Troika aus den Zeiten, als Irland unter dem europäischen Rettungsschirm stand. Die Steuerfinanzierung des Trinkwassers wurde aufgegeben, als aus dem Staatssäckel Schulden getilgt wurden. Die Leitungen sind marode. Mittlerweile versickert etwa die Hälfte des aufbereiteten Trinkwassers, bevor es die heimischen Wasserhähne erreicht. Die ersten Wasserzähler, die noch außerhalb der Häuser montiert sind, belegen die Verluste. Die abenteuerlichen Dimensionen treiben die Mühlen der Verärgerung weiter an. Für die nächsten Wahlen erwarten Beobachter herbe Verluste der traditionellen irischen Parteien.

Noch mehr Europa

Übrigens: Der frühere irische Umweltminister hat sich bei der Umsetzung der Wasserabrechnung keineswegs mit Ruhm bekleckert. Aufgestiegen zum EU-Agrarkommissar ist Phil Hogan erst mal in Sicherheit vor der irischen Protestflut.

Kleine Anekdote gefällig? Gerade zu Wochenbeginn musste nahe der Stadt Galway ein Lkw aus einer Grube gezogen werden. Dort saß der Fahrer fest, weil ein Wasserrohrbruch eine Straße unterspült hatte. Hunderte Haushalte und einige Milchviehbetriebe saßen darum auf dem Trockenen. Das erinnert entfernt an die deutsche Autobahn A 643 und die marode Schiersteiner Brücke oder das Streckennetz der Deutschen Bahn.

Wahrscheinlich ist daher die gleichgeschlechtliche Ehe wirklich das schönere Thema für die eitle Medienwelt.
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