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Brigitte Stein zum Kartoffel-Kartell

Der Schreck sitzt tief bei Kartoffelhändlern wie Erzeugern: Die Verbraucher haben zu hohe Kartoffelpreise gezahlt, so lautete zurückliegende Woche die Schelte der Medien. Das mögen auf Anhieb nur wenige Branchenkenner glauben. Doch ausschließen will es auch keiner.

Denn der Kartoffelpreis wird von Einkäufern im Lebensmitteleinzelhandel durchaus knapp durchkalkuliert: Ausgehend vom Erzeugerpreis, wie ihn Erzeugergemeinschaften notieren, kommt noch der Lohn fürs Packen und Transportieren drauf. Fertig. Qualitätsstandards einzuhalten ist ohnehin Pflicht. Dass dabei keine großen Preisunterschiede drin sind, ist eigentlich kein Wunder. Der Bauernverband belegt mit einer soliden Statistik, dass deutsche Verbraucher im europäischen Vergleich ihre Kartoffeln billig einkaufen.

Doch das angelaufene Kartellverfahren und der Medienrummel haben Spuren hinterlassen. So werden alte Fronten wieder aufgefrischt, und alte Gerüchte wieder hervorgeholt: Züchter hätten über Abpacker die Landwirte zum Kauf bestimmter Sorten zu völlig überhöhten Preisen gezwungen, so könnten man die Summe der Vorwürfe zusammenfassen, die die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft vorträgt. Nun will auch der Deutsche Bauernverband das Verhältnis zwischen Kartoffelzüchter und Pflanzgutkäufer mal wieder gründlich ausleuchten.

Verzerrte Vorstellungen in der Öffentlichkeit gerade zu rücken, daran besteht wenig Interesse. Denn Sortenempfehlungen für eine bessere Vermarktung sind kein Hinweis auf besonders bösartige Absprachen. Auch Brauereien, Mälzereien, Mühlen kaufen am liebsten genau den Rohstoff, der in ihre Verarbeitung oder Vermarktung passt. Dass in nahezu jeder Branche des Ernährungsgewerbes immer weniger Unternehmen große Marktanteile innehaben, dem hat das Kartellamt seit Jahren zugesehen. Einige Fusionen wurden sogar zum Erstaunen der Geschäftspartner genehmigt. Das gilt nicht nur für die Kartoffelbranche.

Verdächtig ist schon eher das verkrampfte Verstummen, damit nur ja kein Verdacht von Absprachen aufkommt. Wie könnte denn ein Händler in einem derart volatilen Markt wie dem Kartoffelmarkt den Preis passend greifen, wenn er nicht mit Kollegen spricht? Nur Transparenz über Qualitäten und Verfügbarkeit führt zu realistischen Preisen - für Bauern, Handel und Verbraucher. Dass dabei Absprachen möglich sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch hätte dann nicht die Nicht-Kartell-gebundene Konkurrenz mit Niedrigpreisen beim Einzelhandel punkten können?

Früher, damals, als alles besser war, da gab es mehr Wettbewerb. Sicher. Aber war damals wirklich alles einfach besser? Zur Erinnerung: Undefinierbare Sortenmischungen wurden den Verbrauchern als „Galatina-Sieglinde" für teuer Geld angeboten - und haben ihnen den Appetit auf Frühkartoffeln vermiest. Dubiose Kartoffelmengen zweifelhafter Qualität wurden gezielt angeboten, um Wettbewerber in den Ruin zu treiben. Eilig gerodete losschalige Frühkartoffeln sorgten massenhaft für anrüchige und kostspielige Retouren.

Auf dem schmalen Pfad zwischen Preis- und Qualitätspflege einerseits und Kartellbildung andererseits einen Weg zu finden, das ist die Herausforderung für die Zukunft. Dazu trägt die Aufklärung des Kartellamtes hoffentlich bei - zum Wohl von Markt und Wettbewerb.
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