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Stefanie Pionke zur Spekulanten-Offensive der Deutschen Bank

Ein Saubermann-Image pflegen und sich als Anwalt der Hungernden profilieren. Das hat Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen bei seinem Auftritt auf der Grünen Woche gar nicht erst versucht. Investoren wollten „keine Geschenke verteilen“, sondern „Geld verdienen“. Die Bank werde im Sinne ihrer Kunden weiterspekulieren und „börsengehandelte Anlageprodukte auf Basis von Agrarrohstoffen anbieten“. So äußerte sich der Vorstand des unlängst mehrfach mit Negativ-Schlagzeilen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geratenen Kreditinstituts zum Thema „Verantwortungsvolle Agrarinvestitionen“.

Welcher Teufel hat den Mann geritten, mag man sich im ersten Moment fragen? Beim näheren Hinsehen ist Fitschens Position zur Spekulation nicht sonderlich verwegen, sondern schlicht ehrlich. Das kann man von anderen Kreditinstituten nicht behaupten, die sich medienwirksam vom Neugeschäft mit Agrarderivaten verabschiedeten, um ihr moralisches Profil zu schärfen. Wohlgemerkt: vom Neugeschäft. Von bestehenden Fonds nahmen Commerzbank, LBBW und Co. explizit keinen Abstand. Das wiederum lässt implizit den Schluss zu, dass diese Engagements weitergeführt werden. Der Spekulationsverzicht verkommt so zum moralischen Feigenblatt.

Die Deutsche Bank hatte nach einem medienwirksamen Briefwechsel mit Foodwatch-Chef Thilo Bode zunächst ebenfalls diese PR-Karte gespielt. Auf der Grünen Woche dann läutete Fitschen den vermeintlichen Paradigmenwechsel ein: Wie angekündigt, habe die Deutsche Bank überprüft, ob sie via Agrarderivate die Preissteigerung auf den Getreidemärkten anheize. Die Prüfung habe ergeben, dass „nein“. Der Entrüstungssturm ließ nicht lange auf sich warten. Bundesagrarministerin Ilse Aigner warf dem Banker Verantwortungslosigkeit angesichts 900 Millionen Hungernden auf der Welt vor. Entwicklungshilfeorganisationen und sonstige NGO schlugen in die gleiche Kerbe.

Die Deutsche Bank dürfte dieser Sturm im Wasserglas wenig beeindrucken: Sie hat unlängst wirkliche PR-Desaster erlebt. Man denke an die Großrazzia der Polizei in Sachen Steuerbetrug im Dezember. Wer mit ansehen musste, wie 500 Beamte eines Sondereinsatzkommandos seine Konzernzentrale stürmen, den können ein motzender Thilo Bode oder eine moralisierende Ilse Aigner wohl nicht nachhaltig aus der Ruhe bringen. Und auch die Schmach im legendären Kirch-Prozess hat den Öffentlichkeitsarbeitern der Deutschen Bank sicher mehr Anstrengungen abverlangt als das Thema Agrarspekulationen.

Frei nach dem Bonmot „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich sehr ungeniert“, konnte Fitschen sich und sein Haus also getrost als profitigierige Nutzenmaximierer präsentieren. Wer keine weiße Weste mehr hat, hat auch nicht die Last, sie sauberhalten zu müssen.

Der Deutsche-Bank-Chef hat sich indes nichts weiter zu Schulden kommen lassen, als an den Sachverstand zu appellieren statt an Emotionen. Doch mit solchen Botschaften setzt man sich schwer durch. Auch wenn es wirklich keine faule Ausrede ist, dass liquide Märkte weniger für Preisspitzen anfällig sind als Handelsplätze, auf denen nichts los ist. Und dass Landwirte - ganz gleich wo auf der Welt sie wirtschaften - selbst ungern als bloße Almosenempfänger betrachtet werden wollen.

Ohne Zweifel: Dass mehr als 900 Millionen Menschen auf der Welt Hunger leiden, ist ein Missstand, den es schleunigst zu beseitigen gilt. Doch dabei helfen eine Professionalisierung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern und eine auf dieses Ziel ausgerichtete Entwicklungspolitik mehr als platte Forderungen nach Spekulationsverboten.
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