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Stefanie Pionke zu Aufsichtsräten

Die Aufsichtsräte in Deutschland – oder besser deren Besetzung – beschäftigten unlängst die Presse. Während die Publikumsmedien über den Sinn und Unsinn einer festen Frauenquote von 30 Prozent in den Kontrollgremien berichten, hat die Agrarpresse ihre eigene Neuigkeit aus dem Bereich zu melden: Der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes Manfred Nüssel kann seiner Ämtersammlung einen weiteren Posten hinzufügen.

Jetzt sitzt Nüssel, Aufsichtsratschef der Baywa, Verwaltungsratsmitglied der Landwirtschaftlichen Rentenbank und Aufsichtsratsvorsitzender der Bayerische-Raiffeisen-Beteiligungs-Aktiengesellschaft, auch noch im Kontrollgremium der Agco GmbH. Gut nur für Nüssel, dass Agco (noch) nicht qua Gesetz einer Frau den Vorrang hatte geben müssen.

In Wirtschaftskreisen scheint manch einer Aufsichtsratsposten zu sammeln wie andere Leute Briefmarken. Warum auch nicht, behaupten doch böse Zungen, dass solche Positionen häufig mit überschaubarem Aufwand bei hohem Ertrag verbunden seien. Aber den Arbeitsaufwand sollte man nicht ungebührlich kleinreden: Immerhin erwartet man in Deutschland von einem Aufsichtsrat, dass er zwei Sitzungen im Jahr abhält. Auf den ersten Blick klingt das nicht viel – doch wer gleich mehrere solcher Posten bekleidet, bei dem kann der Terminkalender schon einmal ganz schön gedrängt aussehen.

Doch Nüssel ist nicht der einzige Postensammler. Bauernpräsident Joachim Rukwied ist Aufsichtsratsmitglied bei Südzucker, der Baywa und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Landwirtschaftlichen Rentenbank. Auch Baywa-Chef Klaus Josef Lutz, dessen Geschicke Nüssel qua Mandat kontrolliert, ist in einer stolzen Anzahl von Aufsichtsräten vertreten. Seinem Profil auf der Baywa-Webseite zufolge sitzt er in den Gremien der Euro Pool System International, Graphit Kropfmühl AG, MAN Nutzfahrzeuge AG und ist Vorsitzender der Kontrollgremien der VK Mühlen AG und der WHG mbH. Und damit nicht genug der Ehre: Seit dieser Woche darf Lutz sich auch noch Professor nennen für Betriebswirtschaftslehre des Genossenschaftswesens an der Technischen Universität München. Aber das sei nur am Rande erwähnt. Ziemlich bescheiden - was Aufsichtsratsmandate angeht - ist Dr. Clemens Große Frie, Vorstandsvorsitzender der Agravis Raiffeisen AG: Er begnügt sich mit einem Posten im Kontrollgremium der Nordzucker AG.

Aber nun zum Thema Frauenquote: Wie sieht es da in den Aufsichtsräten der Agrarwirtschaft aus? Die BayWa zumindest hat hier Aufholbedarf: In dem 14-köpfigen Gremium sitzen aktuell zwei Frauen – eine 30-Prozent-Quote ist damit nicht erfüllt. Wenig besser sieht es bei der VK Mühlen AG aus: Unter 12 Mitgliedern ist gerade einmal eine Frau vertreten. Bei Nordzucker finden sich unter 21 Aufsichtsräten drei Frauen – auch hier würde die 30-Prozent-Marke verfehlt. Bei Claas immerhin steht dem 12-köpfigen Gremium eine Frau vor. Sie ist die einzige Vertreterin weiblichen Geschlechts in dem Kontrollgremium und Teil der Inhaber-Familie.

In Sachen Frauenanteil besteht in den Aufsichtsräten der Agrarwirtschaft noch Nachholbedarf. Sollte die Quote kommen, müsste sich künftig wohl die eine oder andere Herren-Netzwerk-Runde umstellen. Das wäre zu begrüßen, würde es etwas frischen Wind durch die verstaubten Gepflogenheiten der „Old Boys’ Clubs“ pusten.

A propos „Old Boys“: Ist das Sammeln von Aufsichtsratsmandaten am Ende nichts anderes als das, was Riestern für den Ottonormalverbraucher ist – also eine Art Altersvorsorge?
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