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Dagmar Behme zur Auseinandersetzung mit Agrarkritikern

Landwirte sind es gewohnt, als Sündenböcke herzuhalten. Die Liste der Vorwürfe ist überschaubar: Stets geht es um die gleichen Vergehen gegen die Umwelt, das Tierwohl oder die menschliche Gesundheit. Durch beständige Wiederholung entsteht jedoch der Eindruck einer sich zuspitzenden Agrarkatastrophe. Jetzt ist dem obersten deutschen Bauernvertreter Joachim Rukwied der Kragen geplatzt. Und das ist gut so. Es wird Zeit, dass Klartext gesprochen wird.

Die Umweltverbände geben keine Ruhe. Ganz oben auf der Agenda des mitgliederstarken Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) steht der Kampf gegen chemischen Pflanzenschutz, die grüne Gentechnik und die angeblich industrielle Tierhaltung.

Als in dieser Woche der BUND zuerst den Einsatz von Sexualhormonen in der Sauenhaltung anprangerte und anschließend im Fleischatlas die wirtschaftlich erfolgreiche Tierhaltung verdammte, konterte Rukwied mit drastischeren Worten als sonst üblich: „Das sind Demagogen, die die Öffentlichkeit mit gezielten Desinformationen in die Irre führen, um Gülle über uns Bauern zu schütten“, schimpfte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV). „Vor der Grünen Woche kommen immer dieselben ideologischen Phrasen", fuhr Rukwied fort und forderte: „Es muss endlich Schluss sein mit der Bevormundung durch selbsternannte Weltverbesserer, die dem Verbraucher vorschreiben wollen, was er essen soll."

Eigentlich meiden Landwirte lieber die Konfrontation, weil sie wegen der Meinungsmacht der Umweltverbände fürchten, den Kürzeren zu ziehen. Richten sollen es stattdessen die zahlreichen Lobbyverbände, die sich im Umfeld der Agrarwirtschaft tummeln. Einer davon wird zur Grünen Woche unter dem Titel „Linie W: Unser Weg - mit Werten zur Wurst" antreten. Die Erfinder dieses wunderlichen Slogans hätten sich besser bei den Kommunikationsprofis des DBV Anregungen geholt. Von dort stammt das neue Magazin „Meat", das Verbrauchern, so der Bauernverband, „einen Überblick über das Familienleben von Schweine- und Milchviehhaltern, über moderne Tierhaltung und über den Fleischverzehr" geben will.

Das sehr ästhetisch bebilderte Heft liegt jetzt auch in ICE-Zügen aus und wird dort mit Sicherheit mehr Sympathie für die deutsche Landwirtschaft erzeugen als es mühselig konstruierte Plattformen für den Dialog je bewirken können. Vor allem weckt das Magazin Appetit auf Fleisch - gerade auch bei der zunehmenden Zahl der Verbraucher, für die Soziologen als neue Kategorie die „gefühlten Vegetarier" eingeführt haben. Das sind Menschen, die gerne Fleisch essen, das aber ungern eingestehen. Man könnte sie auch Heuchler nennen. Die Wortschöpfung zeigt aber nebenbei, auf welch tönernen Füßen Prognosen beruhen, die einen Trend zur vegetarischen Lebensweise erkennen wollen. Der Fleischkonsum ist in Deutschland in den vergangenen Jahren allenfalls geringfügig gesunken. Zur Erklärung des Rückgangs reicht der Hinweis auf den sinkenden Kalorienbedarf einer alternden Bevölkerung aus.

Landwirte und ihre Vermarktungspartner sollten in die Offensive gehen und sich weniger um den vermeintlich wankelmütigen Verbraucher sorgen. Der ändert nämlich sein Essverhalten äußerst ungern. Das hat erst kürzlich die Bundespartei von Bündnis 90/Die Grünen im Wahlkampf schmerzlich zu spüren bekommen, als ihr proklamierter „Veggie Day" statt Wählerstimmen und Regierungsbeteiligung den Verweis auf die Oppositionsbänke brachte. Meistens geht es in den Diskussionen um das Für und Wider der so genannten Agroindustrie oder des Fleischkonsums gar nicht so sehr um Werte. Es geht um die Wurst.
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