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Katja Bongardt zur Meinungsmache per App

Die zunehmende Digitalisierung unserer Welt hat viele Vorteile. Beim Urlaubbuchen zum Beispiel. Wer in die Sonne will, geht nicht mehr ins Reisebüro, wartet, bis er dran ist, um sich dann von der Reiseverkehrskauffrau bunte Kataloge aufblättern und Flugverbindungen heraussuchen zu lassen. Das macht die Software besser.

Nicht alles aber sollte man einem Algorithmus überlassen, der von irgendwem programmiert worden ist. Gelegentlich kann das eigene Urteilsvermögen auch nicht schaden. Bei der Empörung beispielsweise.

Kennen Sie „Codecheck“? Der Renner unter den kostenlosen Apps in diesem Sommer. Das von Öko-Test, BUND, Greenpeace und WWF zur Verfügung gestellte Programm bewertet Lebensmittel. Es zeigt die nach ihrer Ansicht kritischen Inhaltsstoffe. Der App-Nutzer braucht lediglich das Smartphone auf den Barcode eines Produktes zu halten und schon ploppt eine rot, orange und grün eingefärbte Liste zu den „gesundheitsschädlichen, nicht umweltverträglichen oder in anderer Weise bedenkliche Inhaltsstoffen“ auf.

Klingt praktisch. Aber darf ich nicht selber entscheiden, was ich für bedenklich halte? Vielleicht kaufe ich den Brotausstrich ja gerade deswegen, weil er viel Zucker und Fett enthält und deswegen eben lecker ist. Leider wird bei Codecheck alles über einen Kamm geschert. So ist beim Thema Umwelt auch der Bösewicht Palmöl mit dabei. Jedes Produkt mit diesem Inhaltsstoff erhält einen roten Warnkringel. Auch beispielsweise die Waren der REWE Group erhalten übrigens den Kringel. Dabei hat der WWF gerade erst die REWE Group für ihre Einkaufspolitik bei nachhaltigem Palmöl in höchsten Tönen gelobt.

Um Transparenz geht es ja möglicherweise auch nicht. Aber Stimmung machen lässt sich natürlich prima damit. Je roter die Warnkringel, desto besser werden vermutlich die als „Einkaufshilfe“ eingeblendeten „besseren“ Produktalternativen konsumiert.

„Wenn für Dich etwas gratis ist, liegt es daran, dass Du nicht der Kunde bist, sondern das Produkt.“ Damit hat der britische Autor Tom Hodgkinson wohl nicht ganz unrecht.

Diesem Motto folgend geht der BUND den nächsten konsequenten Schritt. Mit seiner kostenlosen App „Toxfox“ lassen sich Kosmetika auf „hormonell wirksame Chemikalien“ durchleuchten. Toxfox informiert nicht nur darüber, ob das gescannte Produkt zu denjenigen zählt, die der BUND als gefährlich definiert hat. Jeder Nutzer, der jetzt Angst vor den „Chemiecocktails“ bekommen hat, kann auch gleich Taten folgen lassen. Denn unter jedem in signalpink angeprangerten Produkt findet sich der Protest-Button.

So braucht es denn mittlerweile nur noch einen Klick auf dem Smartphone, um sich zu engagieren. Zeitraubende Demonstrationen in der analogen Welt oder gar das eigene mühsame Aneignen von Wissen – geschenkt. Praktisch daran ist auch, dass sich der BUND jetzt beispielsweise damit brüsten kann, 85.000 Protestanten mobilisiert zu haben. Erste Erfolge sind zu verzeichnen. Ein Kosmetikhersteller verzichtet auf Parabene. Sie werden für die Konservierung, zum Beispiel von Cremes, benötigt. Das ist konfektionierter Protest. Den Kampagnenmachern kann man nur herzlich gratulieren, dass sie es verstehen, über eine einfache App so viele Menschen als Klickvieh einzufangen.

Nun ist es so, dass bei einigen Parabenen tatsächlich im Tierversuch festgestellt wurde, dass sie das Hormonsystem beeinflussen können. Allerdings sieht das nicht ganz unbedeutende Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gängige Parabene in der üblichen Konzentration als sicher für alle Bevölkerungsgruppen an.

Nur zur Information und um wieder zum Anfang zurück zu kommen: Auch die Sonne ist ein hormonell wirksamer Stoff. Trifft sie nach einem langen Winter auf die Haut, werden Glückshormone ausgeschüttet. Trifft sie zu oft, droht Krebs. Aber jedes Kind weiß heutzutage: Die Dosis macht das Gift. In Deutschland gibt es zahlreiche etablierte Institutionen, in denen sich ausgebildete Menschen viele Gedanken über eine harmlose oder eine riskante Dosis machen. Eine App braucht es dazu nicht.
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