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Sarah Speicher-Utsch zur Anbindehaltung

Die Anbindehaltung von Milchkühen ist antiquiert. Wer daran festhält, nur um den Strukturwandel hinauszuzögern, duldet einen Missstand. Denn die Realität sieht so aus: Verdreckte Kühe, die sich kaum rühren können. Kleine Familienbetriebe, die ihre Milch zum Teil regional vermarkten. Schöne Milchtüten im Supermarkt, aber kotverschmierte Zitzen im Stall. Und Konsumenten, die dafür sogar noch mehr Geld ausgeben. Weil regional ja automatisch gut bedeutet.

Dazu eine Anekdote: In Südtirol zum Beispiel gibt es viele solcher Betriebe. Traditionshöfe, familiengeführt, mit Kühen, die zum Teil 365 Tage im Jahr an Hals und Schwanz festgebunden sind. Dort, wo eigentlich viel Platz ist, wie auch im Süden Deutschlands, werden die Tiere trotzdem genau so gehalten. "Ich weiß ja, dass ein Laufstall viel besser wäre", sagt ein Milchbauer dort. "Aber da muss ja auch die Bank mitspielen." Die Entschuldigung: Man hat es ja immer so gemacht. Aber das Geld steckt man stattdessen in schicke Ferienwohnungen für deutsche Touristen.* Die bringen einfach mehr ein.

Dabei verdienen diese Betriebe in Norditalien ganz gut an der Milch. Mit Braunvieh und Fütterung ohne Gentechnik lassen sich bei den regionalen Molkereien schonmal 60 Cent/kg erzielen, weil die Verbraucher auf das vermeintliche Idyll abfahren. Nicht schlecht.

Den Tieren geht es in der allerorten verschrienen Milcherzeugung aus Massentierhaltung indes häufig viel besser. Luftige Laufställe, saubere Tiere, ein professionelles Management. Zumindest, wenn die Betriebe wirklich professionell arbeiten und auch das Tierwohl ernst nehmen.

Natürlich gibt es nicht nur schwarz und weiß. Es gibt kleine und große Vorzeigebetriebe in der konventionellen Landwirtschaft. Aber den Konsumenten zu suggerieren, klein und regional sei immer gut, Massentierhaltung hingegen schlecht, ist falsch. Und trotzdem fallen so viele darauf rein.

Gerade erst vor drei Monaten hat die Bundesregierung ein vom Bundesrat gefordertes Verbot einer ganzjährigen Anbindehaltung von Rindern abgelehnt. Begründung: Es sei zu befürchten, dass eine derartige Regelung mittelbar zu einer Beschleunigung des Strukturwandels sowie einer erheblichen Belastung kleinerer und mittlerer Betriebe führen werde.

Das stimmt. Aber es muss sein. Nur so kann mit Klischees aufgeräumt werden. Betriebserhaltung auf Kosten der Tiere darf nicht sein. Nur, wenn Missstände behoben werden, wird die konventionelle Landwirtschaft in der Gunst der Bevölkerung wieder steigen.

* Ja, liebe Leserinnen und Leser, Sie werden es schon vermutet haben: Auch ich bin eine solche Touristin, die mit ihrer Familie eine schicke Ferienwohnung auf einem kleinen Bauernhof in Südtirol bewohnt hat. Und Abend für Abend die angebundenen und komplett verdreckten Tiere sah, wenn es mit den Kindern zum Melken in den Kuhstall ging. Das Label „regional“ überzeugt mich seitdem nicht mehr.
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