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Dagmar Behme zur Debatte um den Schutz regionaler Herkunftszeichen

Pünktlich zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin gerät der amtierende Agrarminister so richtig in die Schlagzeilen. Eigentlich ist gar nichts passiert. Christian Schmidt hat lediglich nach einer Reise in die USA dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel erzählt, wie schwer es sein wird, den europäischen Schutz regionaler Spezialitäten gegenüber den Amerikanern zu verteidigen. „Kommt Schwarzwälder Schinken bald aus Amerika?", fragte daraufhin die Boulevard-Zeitung BILD in großen Lettern. Und BILD-Kolumnist Franz-Josef Wagner jammerte: „Wir werden etwas kauen, was nicht unsere Heimat ist.“

Der CSU-Politiker hat mit seiner Äußerung, dass nicht mehr jede Wurst und jeder Käse als Spezialität geschützt werden könne, auch den Länderagrarministern der Grünen eine Steilvorlage geliefert. „Gegen den durchsichtigen Angriff der Bundesregierung auf die europäische Essens- und Genusskultur verwahren wir uns strikt", konterte etwa Alexander Bonde aus Baden-Württemberg und führte Köstlichkeiten wie den Schwarzwälder Schinken und die Schwäbische Maultasche an. Aus dem Europäischen Parlament ließ Bondes Parteifreund Martin Häusling erklären, dass Schmidt „ohne Not und im vorauseilenden Gehorsam" die Lebensmittelqualität auf dem „Freihandelsaltar" opfern wolle.

Auch die Hersteller der Spezialitäten mochten nicht ruhig bleiben. Es meldeten sich Lobbyisten zu Wort, von denen niemand ahnte, dass sie existieren. Dazu gehört auch der Schutzverband Nürnberger Rostbratwürste. Der Vereinsvorsitzende Rainer Heimler will den Einwand nicht gelten lassen, dass die Rohstoffe der Spezialitäten längst nicht mehr aus der geschützten Herkunftsregion stammen. „Niemand ist je davon ausgegangen, dass alle Zutaten der Nürnberger Rostbratwurst aus Nürnberg kommen. So viele Schweine gibt es hier überhaupt nicht", klärte Heimler den Minister auf.

Kein Wunder, dass Schmidt noch am Tag des Erscheinens des Spiegel-Artikels zurückrudern musste. „Es geht dem Minister nicht darum, bestehende Kennzeichnungsregelungen abzuschaffen oder zu opfern", ließ ein Sprecher erklären. Der Minister setze sich vielmehr als „bekennender Regionalist“ dafür ein, dass die bestehenden Kennzeichnungen verständlich seien. Das ist tatsächlich eine große und lohnenswerte Aufgabe. Eine Kostprobe aus Süddeutschland gefällig? Im Amtsblatt der Europäischen Union ist 2013 der Schutz der „bayerischen Breze" in Abgrenzung zur „schwäbischen Brezel" dokumentiert. „Während bei schwäbischen Brezeln der Ansatz der Ärmchen sehr tief liegt und dadurch der obere Bogen als Bauch bezeichnet werden kann, sitzt er bei den typischen bayerischen Brezen deutlich höher." Alles klar? Eben nicht, befindet Agrarminister Schmidt zu Recht.

Früher oder später kommt also der EU-Schutz der Spezialitäten auf den Prüfstand - dafür braucht es nicht einmal Verhandlungen mit den Amerikanern. Der Wunsch nach mehr Klarheit wächst in Europa selbst. Es bleibt aber ein Rätsel, warum Schmidt sich gerade jetzt dazu äußern musste. Denn in gut einer Woche öffnet die Internationale Grüne Woche, die als Verbrauchermesse ein riesiges regionales Angebot von Nahrungs- und Genussmitteln anpreist. Der jeweilige Bundeslandwirtschaftsminister steht bei dem Berliner Großereignis immer unter besonderer Beobachtung. Jetzt muss er wahrscheinlich bei jeder Verkostung auch noch zur Regionalität Stellung beziehen. Dabei wäre ihm als Franke doch einfach einmal der herzhafte und unbefangene Biss in eine Nürnberger Rostbratwurst zu gönnen gewesen.
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