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Axel Mönch zur EU-Ökoverordnung

Ein Komposthaufen ist keine schäbige Müllhalde. Im Gegenteil, er ist eine empfindliche Komposition aus wertvollen Rohstoffen. Erst wenn das Zusammenspiel aus richtiger Temperatur, einem geeigneten Verhältnis von Kohlenstoff und Stickstoff, sowie den notwendigen Bakterien funktioniert, kann ein nützliches Nährsubstrat heranreifen. Das braucht vor allem seine Zeit. Besonders Biobauern sind es gewohnt, solche Prozesse zu beobachten, vorbeugend einzugreifen und lang genug abzuwarten, wenn es nötig ist.

Ganz entgegen den Richtlinien einer guten Kompostwirtschaft will die EU-Kommission nun in aller Eile die Reform der EU-Ökoverordnung durchdrücken. Mit einem ganz und gar unökologischen Zeitmanagement kommt die EU-Kommission daher und kann noch nicht mal gute Gründe für ihre Eile nennen. Die ersten Biobauern sollen angesichts der geplanten Verschärfungen schon aufgeben, konventionelle Landwirte ihre Pläne auf Umstellung zurückstecken, so wird vermutet.

Empfindlich ist eben nicht nur der Kompost sondern die gesamte Wirtschaftlichkeit der Biolandwirtschaft. Die Zuwachsraten auf dem europäischen Biomarkt sind enorm, aber nicht nachhaltig und schon gar nicht ökologischen Reifeprozessen angemessen. Mit der zunehmenden Nachfrage kommen die Biobauern unter Druck. Der Absatz im Supermarkt bringt zwar die gewünschte Masse, aber eben auch den extremen Druck auf die Gewinnmarge, unter dem die konventionell wirtschaftenden Kollegen schon länger leiden. Außerhalb der bequemen kleinen Bio-Nische weht ein deutlich schärferer Wind. Zusätzlich machen veränderte Wünsche der Konsumenten von Bioerzeugnissen den Erzeugern vor allem in der nördlichen Hälfte der EU zu schaffen. Viele Biokonsumenten geben sich im Winter nicht mehr mit Kohl und Lageräpfeln zufrieden. Erdbeeren und Trauben aus dem Gewächshaus sollen es auch im Januar sein, frei von Chemikalien und mit gutem (Bio-) Gefühl für den Käufer. Die zunehmend gewünschten, aber saisonal wenig angepassten Erzeugnisse kommen dann aus dem sonnigen Süden.

Wenn also die knappen Spannen im Supermarkt den Biobauern schon zusetzen, verhageln die Importe von Ökoerzeugnissen aus dem Süden endgültig die Bilanz vieler heimischer Erzeuger. Gegen diese Fülle von Problemen auf dem Biomarkt können die Reformpläne in Brüssel kaum etwas ausrichten. In dieser schwierigen Lage sollten den Biobauern aber keinesfalls durch verschärfte Auflagen das Leben noch schwerer gemacht werden.

Ein Teil des Kommissionvorschlags gehört deshalb auf den Müll. Allerdings haben die EU-Mitgliedsstaaten schon dafür gesorgt, dass Ausnahmen für die Nutzung von konventionellem Saatgut und Zuchttieren erhalten bleiben sollen. Auch Mischbetriebe sind weiterhin zugelassen. Überhaupt ist die Bereitschaft sowohl unter den Ministern als auch im Europarlament groß, auf die Sorgen der Biobranche einzugehen. Das ist nicht selbstverständlich und sollte als Chance genutzt werden. Den Kommissionvorschlag einfach nur zurückzuweisen, wie von manchen aus der Branche gefordert, ist deshalb keine gute Lösung. Schließlich kommt auch etwas Nützliches aus Brüssel, etwa die billigere Gruppenzertifizierung für Biobetriebe oder bessere Regeln für die Importe. Langfristig sollten auch die Länge der Transportwege und der Energieaufwand bei der Beurteilung von Bioerzeugnissen wieder eine größere Rolle spielen. Da muss nicht unbedingt der Staat alles regeln. Aber der Beratungsbedarf ist jetzt schon so groß, dass der Brüssler Biokompost kaum in sechs Monaten reif wird. Ein bisschen mehr Öko bitte, auch zeitlich gesehen.
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