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Katja Bongardt über die dunklen Seiten der Digitalisierung

Kürzlich sprach ich mit einem Milchviehhalter. Der berichtete von seinem Nachbarn, der einen Melkroboter hat. Eigentlich ein Segen. Die lästigen Routinearbeiten wie zweimal am Tag melken übernimmt die Maschine. Der Roboter ist im Dauereinsatz. Die Kuh kann sich ganz naturnah so oft melken lassen wie sie möchte. 


Doch der Landwirt ist auch im Dauereinsatz, berichtet der Nachbar. War früher zu einem bestimmten Zeitpunkt Feierabend, nämlich dann, wenn alle Kühe leer waren, herrscht heute der permanente Alert-Zustand. Die Systeme schalten nie ab und diejenigen, die ihren Nutzen daraus ziehen, auch nicht, so die feste Überzeugung meines Milchviehhalters (natürlich ohne Roboter). 


Precision Farming, autonome Schlepper, Programme zur Herden-, Stallklima- und Fütterungsoptimierung. Der technische Fortschritt für die Landwirtschaft ist enorm. Das war auch auf der Eurotier wieder deutlich zu sehen. Nicht allein wirtschaftlich ist das viel versprechend. Darüber hinaus soll die Landwirtschaft 4.0 auch noch das angekratzte Image der Branche retten. Was aber macht die wachsende Automatisierung mit dem Menschen? 


Für einen 27-jährigen Produktmanager eines Softwarehauses für die Landwirtschaft gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Burn-Out und der zunehmenden Digitalisierung. Er wendet regelmäßig Entspannungstechniken an, um dem schon in jungen Jahren vorzubeugen. 


Yogakurs kann aber doch nicht die Antwort heißen. Soll jetzt Lely mit jedem verkauften Astronaut ein paar Räucherstäbchen mitliefern, damit der Landwirt ruhiges Blut behält? Damit er sich nicht fragt, ob er noch Herr der Dinge ist, weil er nur noch eine Black Box sieht, bei der Daten an der einen Seite rein gehen und Handlungsanweisungen für ihn an der anderen Seite herauskommen? „Der Nutzer der 4.0-Technologien muss die Prozesse weiter verstehen, er muss weiter Herr der Dinge sein“, erklärt ein in der Landwirtschaft tätiger Personalvermittler. Wenn man das Gefühl hat von der digitalisierten Welt beherrscht zu werden, ist das ein Kontrollverlust und das wäre fatal. Auch das ist eine Facette von Landwirtschaft 4.0 und diese Besorgnis treibt nicht nur die ältere Generation um. 


Angst vor Kontrollverlust der ganz anderen Art macht sich darüber hinaus bei Landwirten breit, die nicht nur den benachbarten Bauern sondern auch die benachbarten Länder im Blick behalten. In den Niederlanden haben Landwirte die Kontrolle über ihre Düngerdaten abgegeben. Wo, wann und welcher Wirtschaftsdünger ausgebracht wird, ist dort Teil einer gigantischen Dokumentationsmaschinerie. Das wird auch auf Deutschland zukommen. Nahinfrarotkameras an Güllefässern sind keine Zukunftsvision mehr. Auch das schmeckt vielen Landwirten nicht. 


Es gibt es noch viel zu regeln, bis die Landwirtschaft 4.0 freien Herzens umarmt werden kann. Datenschutz und Menschenschutz gehören dazu.
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