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Stefanie Pionke zum Pferdefleischskandal

Was als eher skurrile Posse um gepanschte Hamburgerfrikadellen und Tiefkühllasagne begonnen hat, zieht immer weitere Kreise. Europol ermittelt. Per DNA-Test soll die Abstammung der Fertigprodukte bis zum letzten Schlachtabfall rekonstruiert werden. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner will die „lückenlose“ und „schnelle“ Aufklärung dieses „schlimmen Falls von Verbrauchertäuschung“.

Das unerwünschte Pferdefleisch taucht unterdessen an immer neuen Stellen auf. Von Rumänien über Luxemburg bis nach Frankreich, Großbritannien, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg reicht die Lieferkette. Die britische Lebensmittelbehörde findet Rückstände eines für Schlachttiere nicht genehmigten Medikaments im Fleisch von sechs zur Pastafüllung verhackstückten Pferden. Da diese Arznei unter anderem Darmblutungen bei Menschen hervorrufen kann, ist die Gesundheitsgefährdung der arglos verzehrenden Verbraucher auf einmal nicht mehr auszuschließen. Prompt werden Forderungen nach schärferen Kennzeichnungspflichten für verarbeitete Fleischprodukte in der gesamten EU laut.

Ist das alles zuviel der Aufregung? Nun, wer auch immer aus welchen Motiven den Produzenten von Eigenmarkenlasagnen Pferde- statt Rindfleisch untergejubelt hat, hat der ohnehin schon um das Vertrauen der Verbraucher buhlenden Lebensmittelindustrie einen Bärendienst erwiesen. Vorbehalte gegenüber mafiös operierenden Herstellern und Zwischenhändlern, über die nach dem Dioxinskandal 2011 dünnes Gras gewachsen ist, werden aufs Neue geweckt.

Der Verweis auf „kriminelle Machenschaften“ Einzelner, die keinesfalls die Wertschöpfungskette Lebensmittel in Gänze repräsentierten, dürfte in der breiten Öffentlichkeit für das Erste wohl kaum verfangen. Die Grundsatzdebatte über die betrugsanfällige, weil so arbeitsteilig und weit verzweigte, Wertschöpfungskette wird bereits angestimmt.

Erschwerend hinzu kommt, dass nicht etwa schnöde Mastpute, sondern das Fleisch des Sympathieträgers Pferd beigemischt wurde. Wer will schon ein Tier essen, das Mädchen im Kindergarten- und Grundschulalter gerne mal auf ihre Weihnachtswunschliste schreiben? Noch größer wäre die Bestürzung wohl nur, seien „Gut & Günstig“-, „Findus“-, oder „A&P“-Lasagnen mit dem Fleisch von Hauskatzen oder Schoßhunden versetzt worden.

Zweifelsfrei: Betrug ist eine Straftat. Bei möglichen Gesundheitsgefährdungen hört der Spaß sowieso auf. Auch ist es nicht per se in Ordnung, Verbraucher hinters Licht zu führen, solange nur die Gesundheit keinen Schaden nimmt. Wer einen 7er-BMW und das damit verbundene Sozialprestige erwerben möchte, wäre auch erzürnt, bekäme er stattdessen einen verkleideten Opel Vectra untergeschoben.

In Rumänien, von wo das Pferdefleisch nach bisherigem Kenntnisstand illegal in Umlauf gebraucht wurde, stecken die Wurzeln des Skandals womöglich sogar tatsächlich im Verkehrssektor: Laut einer britischen Boulevardzeitung erzeugt Rumänien mit 14.000 t im Jahr vergleichsweise viel Pferdefleisch gemessen an anderen EU-Staaten. Ein Verbot von Pferdedroschken auf Rumäniens Straßen habe diese Menge noch erhöht. Die Folge: Das Überangebot an Pferdefleisch drückt die Preise. Es ist billiger als Rindfleisch, was zumindest das Geschäftsmodell der Pastapanscher erklären würde.

Zu einer auf komische Weise pragmatischen Feststellung gelangte die agrarpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Christel Happach-Kasan: „Wer selbst kocht, ist vor solchen Verbrauchertäuschungen weitgehend sicher“, heißt es in der Erklärung der liberalen Politikerin.

Wohl war, faules Verbraucherpack! Statt schnöde die Fertiglasagne in die Mikrowelle zu schieben, besser selbst zum Kochlöffel greifen - dann ist man vor Etikettenschwindel gefeit. Dass der Verbraucher, der vollkommen auf Nummer Sicher gehen will, das Rind für die Hackfleischfüllung am besten gleich selbst schlachten und durch den Fleischwolf drehen sollte, so weit geht Happach-Kasan dann doch nicht. Stattdessen stellt sie fest, dass heutzutage vielen Menschen zum Selbstkochen die Zeit fehle – daher sei es im „ureignen Interesse“ der Industrie, das Vertrauen in die Lebensmittel wieder herzustellen.

Damit liefert Happach-Kasan schon fast eine Steilvorlage für den bisweilen ungeliebten Koalitionspartner CSU, der politische Projekte wie das zweifelhafte Betreuungsgeld und das damit verbundene familienpolitische Idealbild wunderbar auf diese Weise legitimieren könnte. Eine Frau, die, statt berufstätig zu sein und Mann und Kind aus Zeitmangel ausrangierte rumänische Droschkengäule zum Fraß vorzusetzen, Zeit zum Selbstkochen hätte – ein Traum!
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