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Horst Hermannsen zu billigen Lebensmitteln

Die ARD-Sendung Günther Jauch vom vergangenen Sonntag war zeitweise unverträgliche Kost. Der Moderator – und nicht nur er - wirkte verwirrt, in jedem Fall aber unvorbereitet. Renate Künast legte wieder einmal ihre alte und inzwischen wohl auch einzige Platte auf und rettete die Welt mit Bio. Dass CDU/CSU daran schuld sind, wenn deutsche Landwirte für den Weltmarkt produzieren müssen, konnte man von ihr zum x-ten Mal erfahren. Fakten, wie etwa der Hinweis auf den demographischen Wandel in Europa hätten in diesem Zusammenhang die Zuschauer zwar erleuchtet, die Stimmung jedoch zu sehr ernüchtert.

Auch Bauer Willi war nicht immer überzeugend: „Mein Nachbar musste Kartoffeln für einen Cent das Kilo verkaufen. Das ist krank“, erklärte er. Ihm war wohl entgangen, dass es im vergangenen Jahr eine große Ernte gab und viele Knollen aus Qualitätsgründen nicht verkäuflich waren. Diese Ware geht bestenfalls in den Futtertrog oder in die Biogasanlage. Dafür auch noch Geld zu bekommen, ist ungewöhnlich. Wenn es sich aber tatsächlich um marktfähige Frittenkartoffeln gehandelt hätte, dann täte der Nachbar von Bauer Willi gut daran, nicht mehr zu spekulieren, sondern Anbau- und Lieferverträge abzuschließen.

Preisanstieg bei Molkereiprodukten

Überhaupt erscheint das Gerede von den „zu billigen Lebensmitteln“ ein gerne gepflegter Mythos zu sein. Die Realität sieht anders aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel in den vergangenen drei Jahren schneller gestiegen als die Inflation in Deutschland. So mussten die Konsumenten 2014 für Lebensmittel 11,5 Prozent mehr ausgeben als 2010. Vor allem die Molkereiprodukte stiegen in dieser Zeit um fast 20 Prozent!

Richtig borniert finde ich die Behauptung, deutsche Verbraucher geben immer weniger Geld für ihre Ernährung aus, deshalb geht es den Bauern schlecht. 1970 sollen es noch 25 Prozent gewesen sein, heute kaum noch 14 Prozent des verfügbaren Einkommens, die für Nahrungsmittel aufgewendet werden. Ignoriert wird dabei, dass es heute weitaus mehr Doppelverdiener in den Haushalten gibt als damals. Außerdem führt steigender Wohlstand – von dem auch Bauern profitieren – zu höheren Ausgaben in Bereichen wie Bildung, Unterhaltung, Kinderbetreuung, Wohnung, Mobilität, Versicherungen, Urlaub ….

Es gibt aber auch vorbildliche Gesellschaften auf dieser Welt, wo dies ganz anders ist. So geben indische und chinesische Wanderarbeiter sowie andere Teile der Bevölkerung dieser Regionen zwischen 80 bis 90 Prozent ihres Einkommens für Essen und Trinken aus. Nach der Logik der Jauch-Sendung müsste es den Landwirten in diesem Teil der Welt wirtschaftlich hervorragend gehen.

Steuergelder sichern gutes Auskommen

Jetzt hätte ich sie fast noch vergessen, jene Landwirte, die für kargen Lohn, bis zur Erschöpfung schuften. Wie viel Stunden arbeitet eigentlich ein viehloser Bauer, der, sagen wir einmal, auf 40 ha Weizen, Zuckerrüben und Raps anbaut? Bekommt er vom geizigen Verbraucher in dessen Eigenschaft als Steuerzahler nicht 300 bis 350 €/ha für das Nichtstun, nur weil er privilegierter Grundbesitzer ist? Mancher von ihnen erwartet von der Gesellschaft Erzeugerpreise, die ihm, trotz weniger Stunden sinnvoller Arbeit, ein gutes Auskommen sichern. Er möchte mindestens so gut leben wie einer, der täglich, nach langer Anfahrt oft unter Druck einer richtigen Tätigkeit nachgeht. Aber Formulare ausfüllen oder gar Kontrollen erdulden, ob mit den „öffentlichen Geldern“ vorschriftsmäßig umgegangen wird, ob sie ihm in dieser Höhe überhaupt zustehen, das möchte er nicht.

So einer erinnert gerne daran, dass Landwirte mit den Unbilden der Witterung zu Recht kommen müssen.
Dabei geht es ihm nicht anders als jedem Eisdielenbesitzer, Biergartenpächter, Skiliftbetreiber….. Warum wechselt er nicht die Branche, wenn doch alles so schlimm ist? Einen Pächter für seinen Hof findet sich sofort – garantiert. Denn obgleich alles so schlimm ist, haben die Pachtpreise in Deutschland astronomische Höhen erreicht. Auch deshalb fällt es deutschen Bauern schwerer, ihre EU-weit einmalige Übermechanisierung zu finanzieren. Das bäuerliche Leben kann ganz schön unlogisch sein - oder?

Es ist beruhigend, dass ein Großteil der modernen Landwirte mit diesem rückwärtsgerichteten Lamento nichts am Hut hat. Sie erkennen ihre Chancen im Markt und nicht am Gängelband des Staates. Übrigens: Jammern bringt auf Dauer nicht einmal Mitleid.
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