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Katja Bongardt zum Begriff Chlorhuhn

Sind wir nicht alle ein bisschen Chlorhuhn?

Bald geht die Freibadsaison los. Kleine Kinder pinkeln ins Wasser, pubertierende Halbstarke finden Baden ohne vorher zu duschen cooler und weil es so schön ist, taucht mancher vielleicht schon ein, obwohl die Magen-Darm-Grippe noch nicht hundertprozentig auskuriert ist. Bis zu 300 Millionen Menschen besuchen in Deutschland pro Jahr die öffentlichen Bäder. Damit die Massen das Schwimmen unbeschadet überstehen, ist eine ausreichende Desinfektion unerlässlich. Das geschieht meist mit Chlor.

Chlor ist ein böses Wort, in Kombination mit Huhn sogar noch böser. Und das diffundiert bei der Diskussion um das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA gerade inflationär durch Talkshows und andere Medien.

Aber sind wir, wenn wir bald ins Freibad hüpfen nicht alle ein bisschen Chlorhuhn? Zugegeben: Niemand steht nach dem Bad im Pool auf unserem Speiseplan. Und auch zugegeben: Die Desinfektion von Schwimmwasser und Hähnchenfleisch sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber es gibt doch eine Gemeinsamkeit. In beiden Fällen geht es darum, einen Genuss mit möglichst viel Hygiene zu verbinden.

In den USA wird Geflügel nach der Schlachtung unter anderem mit Chlordioxid behandelt, um die Zahl der Krankheitserreger wie Salmonellen oder Campylobacter möglichst kleinzuhalten. In der EU sind solche chemischen Dekontaminationsverfahren verboten. Auch auf die Gefahr hin, dass gleich ein Chlorhuhn um die Ecke gackert, darf aber festgehalten werden, dass 


- die Amerikaner den Verzehr ihrer Hühner überleben,
- bei einer Untersuchung des Berliner Einzelhandels knapp 60 Prozent des Hähnchenfleischs mit schädlichen Keimen wie Campylobakter belastet waren,
- die Europäische Lebensmittelbehörde Efsa keine Informationen darüber hat, dass bei der Anwendung von Chlordioxid toxisch relevante Stoffe im Lebensmittel oder Rückstände auftreten.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte vor zwei Jahren zur Diskussion über Hygiene beim Fleisch eingeladen. Dabei stand insbesondere die Frage im Fokus, ob dem Lebensmittelunternehmer und dem Verbraucher in der EU möglicherweise ein potenziell geeignetes, unbedenkliches Verfahren zur Gewinnung sicherer Lebensmittel vorenthalten wird.

BfR-Präsident Professor Andreas Hensel findet Dekontaminationsverfahren wie die Behandlung von Hühnchen mit Chlordioxid dann sinnvoll, wenn sie die anderen Hygienemaßnahmen bei der Mast und im Schlachthof ergänzen. Darüber sollten wir diskutieren.
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