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Dr. Jürgen Struck zum Vegetarismus

Vielleicht ist der Tag gar nicht mehr fern. Der Tag, an dem die ersten Grills von Angestellten  vor Bürogebäuden von Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen zur Mittagszeit aufgebaut werden. Vorausgesetzt die Firmen- oder Dienststellenleiter genehmigen derartige Aktivitäten. Es soll hier nicht um das übliche fröhliche Grillvergnügen in lockerer Stimmung zu einem bestimmten Anlass gehen. Nein, gemeint ist die Zubereitung wohlschmeckender  Fleischwaren als Alternative zu den in den Betriebskantinen immer häufiger geforderten fleischlosen Tagen.

Denn wenn nicht alles täuscht, werden letztere kommen. Der Vegetarismus findet immer mehr Aufmerksamkeit. Und zumindest in den großen Städten ist er auf dem Weg, Bestandteil eines gewissen „Lifestyles" zu werden. Die Botschaft lautet: Der Verzicht auf Fleisch kann zumindest ein wenig dazu beitragen, die Probleme der Welt zu lösen. Würden alle so handeln, ginge es der Welt besser. Verhalten wir uns verantwortlich - wenn es die anderen - Nichtwissenden - schon nicht tun. Mit dieser Absicht haben auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) gemeinsam mit der Heinrich-Böll Stiftung den aktuellen „Fleischatlas" zur Grünen Woche präsentiert. Gefördert wurde er ganz nebenbei von der EU.

Die tatsächliche Zahl der Vegetarier in  Deutschland ist kaum zu ermitteln. Auf der Grundlage verschiedener Schätzungen soll sich der Anteil in der Bevölkerung zwischen 2 bis 9 Prozent bewegen, in absoluten Zahlen also 1, 6 bis etwa 8 Millionen Personen. Die meisten von ihnen sind Frauen, meist jünger, gut gebildet und sehr ehrgeizig. Sie könnten bald Karriere machen und an entscheidenden Stellen der Wirtschaft und Verwaltung sitzen. Die Gründe für den Fleischverzicht sind vielschichtig. Manche mögen einfach kein Fleisch, andere müssen aus gesundheitlichen Gründen darauf verzichten, ein großer Teil ist sicherlich auch nur Teilzeitvegetarier, andere probieren die pflanzliche Ernährung für einen gewissen Zeitraum aus. Wieder andere definieren ihren Status als Vegetarier selbst und differenzieren zwischen warmblütigen Landtieren sowie kaltblütigen Wassertieren. Fische fallen dann im Einzelfall nach deren Selbstverständnis unter Gemüseartiges, vielleicht auch Obst.

Jeder soll essen was ihm schmeckt und was er vor sich selbst vertreten kann. Doch sollte die Möglichkeit zur Auswahl erhalten bleiben. Wenn jetzt nach und nach mehr Entscheidungsträger, die die vegetarische Ernährung befürworten in die Chefetagen einziehen, dann kann dies dazu führen, dass die fleischlosen Tage, später vielleicht auch Wochen in den Kantinen üblich werden. Besonders jene Unternehmen, die die „Nachhaltigkeit" in ihrem Selbstverständnis betonen, werden dazu neigen. Unterstützung könnte dieser Trend noch durch die mögliche Einführung einer Frauenquote in den Chefetagen erhalten.

Spätestens wenn die Deutsche Bahn ihr Angebot im Speisewagen auf fleischlose Kost umstellt sollten die Alarmglocken klingeln. In der Bahn werden Trends früh erkennbar. Doch soweit ist es noch nicht. Denn den besagten 2 bis 9 Prozent Vegetarier stehen immer noch weit mehr als 90 Prozent, also 75 bis 80 Millionen Nicht-Vegetarier gegenüber. Dies sollte bei der Planung und Gestaltung von Speiseplänen für das „wertvollste  Gut" der Unternehmen, ihre Mitarbeiter, berücksichtigt werden.  
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