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Stefanie Pionke zum Übernahmepoker im Agrarhandel

Eine Krake im weltweiten Handel mit Agrarrohstoffen breitet ihre Tentakel aus. Die Krake heißt Archer Daniels Midland Co. – kurz: ADM. In zahlreichen Ländern dieser Welt machen Landwirte, Mühlen und Mischfutterhersteller mit Mitarbeitern des Konzerns mit Sitz im US-Bundesstaat Illinois Geschäfte. In Australien musste die Krake jetzt ihre Tentakel einziehen. Vorerst.

Der Erfassungshändler Graincorp sehe sich durch die Übernahmeofferte von ADM „massiv unterbewertet“, teilten die Australier an diesem Donnerstag mit. ADM kontert, sein Angebot sei und bleibe „attraktiv“. Dass der Übernahmepoker damit beendet ist, ist unwahrscheinlich. Entweder ADM bessert nach – oder ein anderer prescht vor. Wer da in Frage kommt, ist schnell gesagt: Bunge, Cargill, Louis Dreyfus – und, neuerdings auch ein fester Posten im Who-is-Who des internationalen Agrarhandels, Glencore.

Der Übernahmepoker zwischen ADM und Graincorp zeigt vor allem eines: Im internationalen Handel mit Getreide und Ölsaaten werden die Karten ständig neu gemischt. Die ADMs, Cargills und Bunges der kleinen Agrarhandelswelt vergrößern ihre Machtbasis stetig. Im Jahr 2011 hat Bunge allein 3 Mrd. US-$ in die Hand genommen für Übernahmen. In diesem Jahr ist ADM bereits eine möglicherweise sehr fruchtbare Kooperation mit Wilmar aus Singapur im Düngemittel- und Ölsaatenhandel sowie in der Schiffslogistik eingegangen. Dass dieses Joint-Venture fruchtbar im Sinne der finanziellen Erträge sein dürfte, dafür spricht allein der Unternehmenssitz in der Schweiz.

Fast niedlich machen sich die Aktivitäten deutscher Spieler im internationalen Machtpoker der Agrarhändler aus. Baywa kauft die niedersächsische Bohnhorst GmbH zu 60 Prozent und die niederländische Cefetra komplett. Beide Deals kosten zusammen gerade einmal 161 Mio. EUR. Zwar haben diese Akquisitionen hierzulande einiges an Staub aufgewirbelt – bei Cargill, Dreyfus, Bunge und Co. finanziert man Übernahmen in solch einer Größenordnung vermutlich aus der Portokasse.

Dass der Schritt der Baywa strategisch grundsätzlich klug ist, steht außer Frage: Über Bohnhorst sichern sich die Münchener den Zugang zu Ostseehäfen; über Cefetra ein Netzwerk im weltweiten Getreide- und Ölsaatenhandel.

Dennoch darf man sich fragen, warum hiesige (genossenschaftliche) Erfasser und Handelshäuser erst jetzt anfangen, sich auf globale Handelsströme hin zu positionieren? Die Globalisierung ist ja nun kein neues Phänomen. Um zu erkennen, dass eher im bevölkerungsreichen Asien die Nachfrage wächst denn im demographisch schrumpfenden Europa, dafür bedarf es keiner besonderen strategischen Intelligenz. Alle, die sich in Australien in die Erfassungsstufe einkaufen oder bereits eingekauft haben um von dort aus den asiatischen Markt zu bedienen, haben dies längst begriffen.

Fressen oder gefressen werden, lautet die Devise. Das dürfte das traditionsreiche Handelshaus Alfred C. Toepfer International nur zu gut wissen. Die ehrbaren Hamburger Kaufleute sind heute zu 80 Prozent Teil der glücklichen, globalen ADM-Familie – die restlichen 20 Prozent tummeln sich bei Invivo in Frankreich.

Sicher, Teil eines Großkonzerns zu werden, der nur noch wenige weiße Flecken auf der Landkarte hinterlässt, muss für ein Unternehmen nicht zwangsläufig schlecht sein. Es bringt, im Gegenteil, Vorteile im täglichen Handelsgeschäft mit sich. Wer profitiert, ist unter dem Strich aber die Mutter und nicht die Tochter. Wer festlegt, wo in schlechten Zeiten gespart werden soll, auch. Und für die Lieferanten ist es auch nicht unbedingt eine gute Nachricht, wenn ihr Kundenstamm immer homogener wird.

Wie wird sich der globale Agrarrohstoffhandel weiter entwickeln? Gibt es bald nur noch A,B,C,D und G? Sollte das der Fall sein, welchen Platz hat dann die traditionell gewachsene und bisweilen behäbige genossenschaftliche Erfassungs-, Handels- und Verarbeitungsstruktur, die ja in einigen europäischen Ländern bekanntlich durchaus verbreitet ist?

Wagen die Genossen hierzulande die Flucht nach vorn, wie es die Baywa tut? Werden althergebrachte Eignerstrukturen aufgebrochen und die Karten neu gemischt – unter Spielern aus der US-amerikanischen, schweizerischen oder chinesischen Konzernlandschaft?

Man darf gespannt sein, welche Konstellationen die Machtspiele im Getreidehandel künftig zu Tage fördern werden.
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