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Daphne Huber-Wagner zu Verkaufsaktionen

Die Not ist wirklich riesengroß. Fast 20 Prozent der Milcherzeuger erwägen ernsthaft einen Ausstieg aus der Milchproduktion. Bei weniger als 26 Cent, die sie für den Liter Milch seit 15 Monaten bekommen, ist das kein Wunder. Nicht viel besser geht es den Schweinehaltern. Die Schlachthöfe zahlen 1,25 € für das Kilo Schweinefleisch.

Die Not ist auch in der Politik und bei den Berufsvertretern groß. Keiner hat nur annähernd eine Lösung, die Landwirtschaft aus der Misere zu holen. Agrarminister Thomas Schmidt aus Sachsen sowie sein Namensvetter Christian Schmidt, der Bundesagrarminister, reisen nach China, um die Handelsgeschäfte anzukurbeln. Die Botschaften nach der Rückkehr sind vage Worthülsen. Angesichts des  Konjunktureinbruchs in China ist mit einem boomenden Exportgeschäft von deutschen Milch- und Fleischprodukten in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.

Bleiben also nur Aktionen, um den deutschen Verbraucher wachzurütteln, endlich den Wert von Wurst und Käse anzuerkennen und dafür bereitwillig mehr Geld auszugeben. Der jüngste Coup ist in Baden-Württemberg gründlich danebengegangen. Ausgerechnet in der Hochburg sparsamer schwäbischer Hausfrauen, die es schon Angela Merkel im Krisenjahr 2009 angetan hatten, fand in dieser Woche der Aktionstag: "Wir machen Ihre Wurst. Aber bitte nicht zu diesem Preis!" statt. Landesweit wollten Landwirte und Vertreter des Landesbauernverbandes, dessen Präsident Joachim Rukwied auch dem Deutschen Bauernverband vorsteht, Verbraucher über die aktuelle Lage am Schweinefleischmarkt informieren und mit ihnen über regionales Fleisch in Dialog treten. Um das Ganze auf die Spitze zu treibe, kostete eine Bratwurst vom Grill mit Brötchen 12 Cent. Gerade so viel, wie der Landwirt für 100 Gramm Schweinfleisch bekommt.

Die Aktion war schnell beendet. Innerhalb einer Stunde waren die Grillwürste ausverkauft. Ob bei dem kurzen Andrang ausreichend Zeit blieb, die Schnäppchenjäger über die miserable Lage der Schweinefleischerzeuger aufzuklären, sei dahingestellt. Offen bleibt auch, wer von dem Genuss der Bratwurstsemmel so überzeugt war, dass er an der Ladentheke bereit ist, auch 3 € für die schnelle Mahlzeit zu bezahlen.

Den Landwirten geht es wirklich ums Überleben, also um die Wurst. Die Botschaft ist wahrscheinlich nicht rübergekommen. Denn wer hatte von den dick eingemummten Passanten die Muße, an einem kalten, regnerischen Januartag darüber nachzudenken, warum Landwirte mehr Geld brauchen. Sicher sorgt ein Dumpingpreis von 12 Cent für Aufmerksamkeit. Aber dazu bedarf es einen gefälligeren Auftritt als im Winter auf einem zugigen Marktplatz.
 
Da haben es die Berliner schon besser. Sie können sich es in den warmen Messehallen zur Internationalen Grünen Woche richtig gut gehen lassen und dem Schmuddelwetter draußen für einige Stunden entsagen. Regionale und internationale Anbieter übertrumpfen sich mit Spezialitäten, die farbenfroh und musikalisch untermalt rüberkommen. Und die Produkte haben auch ihren angemessenen Preis, Sitzplatz, Spaß und musikalische Unterhaltung inklusive. Die Länderhallen sind ein Publikumsmagnet. Das Regionale lockt, sei es aus Bayern, Nordfrisland oder der Rhön. Der Dialog zwischen Verbraucher und Landwirt ist dringend notwendig, sowohl in Berlin als auch in Esslingen. Nur muss das Drumherum stimmen.

Heimat geht immer. Das wissen auch findige Marketingexperten. Selbst Discounter kennzeichnen immer mehr Produkte mit einem regionalen Herkunftssiegel. Denn der Kunde fühlt sich informiert, wenn auf dem Regionalfenster-Etikett drauf steht, dass die Zutaten aus der Region kommen, und wer sie wo verarbeitet. Für diesen Mehrwert will der Verbraucher auch mehr Geld ausgeben.

Bei der Billig-Bratwurst im Vorbeigehen hingegen geht es den meisten, die für 12 Cent eine Wurst kaufen, um den Spaß-Faktor. Alleweil im sparsamen Ländle.
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