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Horst Hermannsen zur Vielzahl der Qualitätssiegel

Kreative Menschen leben wahrlich in einer freudlosen Zeit. Schließlich sind die wesentlichen Dinge bereits getan. Rad und Pulver sind erfunden. Amerika und die Schwerkraft entdeckt, die Spaltung des Atoms und der Persönlichkeit beschrieben. Wo und vor allem wie, kann ein schöpferisch forschender Geist sich also noch austoben?

Wen mag es mithin wundern, dass sich immer mehr auf das Angstthema Lebensmittel stürzen. Eine häufig inkompetente, sensationslüsterne Berichterstattung in den Medien schürt die Panik und verunsichert die Verbraucher. Unbelegte Thesen, vage Vermutungen und irrwitzige Behauptungen werden über Nacht zu Fakten hochstilisiert, die sich in Windeseile verbreiten. Den Schauspielern der politischen Bühne liegt das Drehbuch bereits vor. Ihre Reaktionen sind reine Routine.

Wie weit das Feld ist, das beackert werden kann, zeigt die Vielzahl an verwirrenden Bio-, Öko- und Qualitätssiegeln, die es bereits in Deutschland gibt. Ein traumhaftes Arbeitsfeld für abgebrochene Öcotrophologie-Studenten tut sich hier auf.

Die in ihrem Amt verbrauchte Ministerin Ilse Aigner wird nicht müde, auf die Verlässlichkeit der bunten Aufkleber hinzuweisen. Regionalfenster heißt die jüngste Kreation ihres Hauses. Damit soll der Konsument sofort erkennen, wo die Ware her kommt. Tatsächlich aber sind viele dieser Siegel fragwürdige Marketing-Instrumente. Die Branche erkauft sich mit diesen angeblichen Garantiezeichen das Vertrauen der Verbraucher – zu höheren Preisen, versteht sich.

Wie unseriös diese Labels teilweise sind, macht zum Beispiel das Zertifikat „QS“ deutlich. Einst in der Panik der BSE-Krise erdacht, soll es für Sicherheit und Qualität stehen. Fast alle großen Supermarktbetreiber und Discounter bewerben hierzulande ihre Produkte mit dem runden blauen Aufkleber.

Im Internet bewirbt eine GmbH der Agrar- und Ernährungsindustrie, die hinter QS steht und damit gut verdient, das Zeichen als „das weltweit größte Prüfsystem für sichere Lebensmittel, das alle Akteure vom Landwirt bis zur Ladentheke einbindet“.

Das hört sich zwar gut an, hat aber mit der Realität kaum etwas zu tun. Längst entlarvten unabhängige Fachleute die großen Lücken eines Prüfsiegels, das Eigenkontrollen bevorzugt. Hinter vorgehaltener Hand wird diese Beurteilung von Insidern bestätigt. Das QS-Zertifikat suggeriert einen Mehrwert, den das Produkt nicht hat.

Tatsächlich jedoch sollen lediglich die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestanforderungen eingehalten werden – mehr nicht. Wirkliche Kontrollen sind ohnehin selten, räumen selbst Landwirte und Mischfutterhersteller ein. Manche berichten gar von Etikettenschwindel. Damit auch wirklich nichts Unvorhergesehenes entdeckt wird, werden die Kontrollen in aller Regel frühzeitig angekündigt. Man möchte schließlich keinen Sand ins gut geschmierte Getriebe bringen.

Aber, unabhängig von QS: Selbst wenn es zu objektiver, strenger Überwachung kommt, so hätte sie wenig Wert. Die Lebensmittelkontrollen sind wie Placebos für den Verbraucher. Solange jede Kreisverwaltungsbehörde Erkenntnisse über kriminelle Machenschaften für sich behalten darf, statt sie in eine zentrale Datenbank – möglichst bundesweit – einzugeben, ändert sich gar nichts.

Übrigens wurden die meisten Unredlichkeiten im Bereich der Lebensmittelbranche nicht durch staatliche Kontrolleure, sondern durch Zollbehörden und anonyme Hinweise zur Anzeige gebracht. Ilse Aigner hat sicher recht, wenn sie versichert: „Deutschland hat eines der strengsten Lebensmittelgesetze der Welt“. Gesetze sind allerdings immer nur so gut, wie die Kontrollen über ihre Einhaltung.
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