Sabine Hedewig-Mohr zur Kommunikation für Lebensmittel

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Ich bekenne, ich bin ein Stadtkind. Aber natürlich kannte ich trotzdem Tiere. Kühe waren hinterm Zaun, Schweine im Stall, der Hund an der Kette. Als ich in die Grundschule kam, machte ich einmal einen gravierenden Rechtschreibfehler im Diktat. Ich schrieb Tier mit "th". Wie konnte das passieren? Im Fernsehen kam damals eine Werbung für eine längst vergessene Biermarke aus Dortmund mit dem Slogan "Ein Mann, ein Thier". Dies verführte mich zwar nicht zum verfrühten Bierkonsum, wohl aber zur falschen Rechtschreibung.

Nachsicht verspürte ich daher, als ich von den Schulkindern hörte, die lila Kühe in ihre Hefte malten, als sie aufgefordert wurden, die Natur mit Pinsel und Farbe wiederzugeben. Werbung ist mittlerweile ein Bestandteil unserer Umwelt und bestimmt vielleicht nicht das Sein, aber gewiss das Bewusstsein, oder sagen wir das Unterbewusstsein. Irgendetwas muss doch dran sein, an der Welt, wie sie uns die Werbung zeigt.

Verständlich und nachvollziehbar ist daher die Tendenz der heutigen Werber, uns Lebensmittel in der Werbung in ihrer nachvollziehbaren Assoziationskette vorzuführen. Käse macht man aus Milch und Milch kommt von der Kuh und die Kuh steht auf der Weide. Naheliegend daher die freundliche Kuh auf der saftigen grünen Wiese neben dem strahlenden Knaben in der Käsewerbung. Was auch sonst? 

Sollte man die Kuh im Stall mit hunderten Artgenossen zeigen, wie sie auf Signal ins Melkkarussell steigen und nachdem sie automatisch ihre Milch abgegeben haben auch wieder rückwärts herausfinden? Sollte man zeigen, wie die Milch in Kühllastern transportiert, in riesigen Anlagen sterilisiert, entrahmt, eingedickt wird? Wie in blitzsauberen Edelstahltanks der Käse reift und anschließend mit Verpackungsmaschinen in atemberaubendem Tempo unter sterilen Bedingungen in handliche Päckchen verpackt wird? Warum eigentlich nicht?  

Die Landwirte - als Marke vor einem Jahr von der KTG Agrar erstmals auf der Lebensmittelmesse Anuga vorgestellt - machen es vor. Hier gehts zwar nicht um Käse und Milch, sondern um Kartoffeln und Müsli. Aber deren Produktion ist ebenfalls weit entfernt von der scheinbaren Idylle unserer Großeltern. 

Geerntet wird mit riesigen Maschinen auf Feldern, die bis zum Horizont reichen. Es staubt und ist laut und wahrscheinlich auch heiß. Aber die Landwirte zeigen das. Mutig und lobenswert. So wird sich allmählich herumsprechen, dass Lebensmittel heutzutage das Ergebnis eines hochtechnisierten und rationalisierten und effektiven Herstellungsprozess sind. Und dass sie nur so unseren Anforderungen an Hygiene und Produktivität entsprechen können. Denn Werbung wirkt.
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