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Olaf Schultz zum Ekoniva-Chef Dürr

Normalweise sorgt sein Unternehmen, das in den Weiten Russland an sechs Standorten vertreten ist, für Aufsehen. Denn die Wirtschaftsdaten, die sich hinter seiner Ekoniva-Gruppe verbergen, können sich wahrlich sehen lassen. Werden doch Jahr für Jahr neue Rekorde in den Agrarunternehmen zwischen Kaluga und Nowosibirsk aufgestellt und natürlich kundgetan. Nun war es Firmenchef Stefan Dürr selbst, der der Presse Nachschub für Schlagzeilen lieferte.

Der Deutsche, der mittlerweile in seiner Wahlheimat größter Milchproduzent ist, leidet nach eigenen Angaben darunter, dass im Verhältnis zwischen der EU und Russland momentan so viel Porzellan zerschlagen werde. Damit bezieht er sich in einem Interview mit Zeit-Online auf das angespannte Verhältnis zwischen der EU und Russland. Dennoch habe er dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sogar zu Sanktionen geraten, erzählt er in dem Interview. „Ich glaube, dass Gegenmaßnahmen dem Westen vor Augen führen, wie stark man in vielen Bereichen voneinander abhängig ist", begründet der Unternehmer, der seit Anfang 2014 auch die russische Staatsbürgerschaft besitzt, seine Ansicht. Denn er zeigte sich im Interview auch überzeugt, dass der Westen die Hauptschuld trage und immer wieder Öl ins Feuer gieße.

Für Russlands Landwirtschaft eröffne das aktuelle Exportverbot außerdem Chancen, ist Dürr überzeugt. Und er, der 1989 als erster westeuropäischer Landwirtschaftspraktiker in das Riesenreich kam, muss es wissen. Denn an dieser Stelle kommen wieder seine wirtschaftlichen Erfolge ins Spiel, die anhand der neuesten Zahlen der Ekosem-Agrar GmbH, deutsche Holdinggesellschaft der Unternehmensgruppe, eine deutliche Sprache sprechen. 

Ekosem hat per Ende Juni dieses Jahres die Milchkuhherde im Vergleich zum 30. Juni 2013 um mehr als 23 Prozent auf 20.800 Tiere erweitert. Die Milchleistung nahm den Angaben zufolge „deutlich überproportional" zu. Ende Juni 2014 wurden 450 t pro Tag erzielt, ein Jahr zuvor waren es noch 345 t. Und es dürfte sich für Dürr lohnen, weiter an den Leistungsparametern zu schrauben. Seiner Einschätzung zufolge braucht Russland noch weit mehr Rohmilch, um den inländischen Bedarf zu decken. Die aktuelle Unterversorgung entspreche der Leistung von rund 1 Million Milchkühen, rechnet er vor.

In anderen Produktionssparten in Russlands Landwirtschaft dürfte es ähnlich beeindruckende Defizite geben. Es stellt sich nur die Frage, ob das Land genügend Unternehmer vom Schlage Dürrs hat, um diese zu beseitigen; erst recht unter der Prämisse des neuen Kurses der westlichen Abschottung und Reglementierung.

Die Äußerungen von Dürr - quasi als Mundschenk Putins - dürften hierzulande mit Sicherheit so manches Kopfschütteln hervorrufen. Aus unternehmerischer Sicht allerdings, und erst recht als ein „vor Ort Agierender", sind sie zumindest nachvollziehbar. Zwar stand die Wiege von Dürr im Odenwald, also in Westdeutschland. Aber aus seinem Taktieren werden Parallelen zur ostdeutschen Mentalität sichtbar, sich an die Umstände und Bedingungen anzupassen und aus ihnen das Beste (für sich) und in diesem Falle für das Unternehmen zu machen. Was würde es ihm nützen, Putin Kontra zu bieten? Auf alle Fälle nichts, was die Erfolgsgeschichte von Ekoniva in Russland fortsetzen würde.

Sollte sich die Sanktionsspirale jedoch weiterdrehen und womöglich den Sektor Landtechnik direkt tangieren, hätte dieser Schritt sicher ein anderes Denk- und Verhaltensszenario zur Folge: Dürrs Unternehmensgruppe ist momentan nämlich auch der größte internationale Händler von Agrarmaschinen in Russland.
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