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Horst Hermannsen zu den Milchpreisforderungen des BDM

Die Aktivitäten des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) waren, ganz ohne Frage, schon immer etwas Besonderes. Sie trugen zwar häufig zur Verärgerung, meist aber doch eher zur Belustigung bei. Wirklich bühnenreif, wie der BDM den Bauernverband vor Jahren aus seinem milchmarktpolitischen Tiefschlaf riss, vor sich her trieb, und zum Handeln zwang. Wie waren doch die Veranstaltungen der selbsternannten Marktexperten unterhaltsam, wenn sie wortgewaltig Molkereiauszahlungspreise von 40 oder gar 43 Cent je Liter als absolutes Muss und Maßstab aller Dinge bezeichneten.
 
„Nie wieder unter 40 Cent" kann man noch heute in verwaschenen Lettern auf arg vergilbten Plakaten etwa im Allgäu lesen. Und war es nicht stets amüsant, dass diese Preise - unabhängig von steigenden oder sinkenden Produktionskosten - gefordert wurden? Dass es Bauern gibt, denen selbst mit einem Milchpreis von 50, 60 der 70 Cent nicht mehr zu helfen ist, und andere wiederum mit 30 Cent problemlos zurechtkommen, war freilich nie ein Thema. Daran tat der BDM auch gut. Schließlich ist das Aneignen betriebswirtschaftlicher Grundkenntnisse eine mühsame Sache, und die Gewinnermittlung  im Besonderen erfordert tiefe Sachkunde. Kenntnisse sind aber die natürlichen Feinde der Polemik. Wohl auch deshalb spielt heute der BDM weder in der Politik und schon gar nicht in der Wirtschaft eine ernst zu nehmende Rolle.

Bauern schütten nicht mehr auf Geheiß der BDM-Führer ihre Milch, die sie durch maßloses Überschreiten der Quoten ermolken haben, medienwirksam auf die Äcker. Besonnene Milchviehalter lassen sich von den lahm gewordenen Agitatoren des Verbandes keinesfalls mehr nötigen. Die Molkereien wiederum haben Wichtigeres zu tun, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die instinktreiche und deshalb wechselhafte Politik indes hat erkannt: Den BDM gibt eigentlich gar nicht mehr. Diese Erkenntnis löst bei jenen, die starke Worte in Verbindung mit theatralischen Auftritten schätzen, Wehmut aus. Bei den Protagonisten des Verbandes allerdings kommt es zu „strategischen" Aktionen, die keine Wirkung am Markt haben können. Zuvörderst soll dem geschrumpften Häuflein gutgläubiger Jünger so die Existenzberechtigung des BDM vor Augen geführt werden.

Ausschließlich vor diesem Hintergrund muss ein Theaterstück beurteilt werden, das der Verband in dieser Woche aufführte. Eigenen Angaben zufolge (hier ist Vorsicht geboten), wollen BDM-Vertreter 65 Molkereistandorte besucht haben, um dort eine besonders scharf formulierte Resolution zu übergeben. Die Molkereien werden darin aufgefordert, mit dem Lebensmitteleinzelhandel nur noch Kontrakte abzuschließen, die einen Erzeugermilchpreis von mindestens 40 Cent möglich machen. Wie wenig der BDM mit den Gesetzen des Marktes vertraut ist, macht auch die Forderung deutlich: „Dumpinggebote einzelner Molkereien oder des Handels sollten abgelehnt werden."

Beim allem Unmut, den der BDM in der Vergangenheit hervorgerufen haben mag, hatte er doch immer auch etwas Rührendes, ja sogar etwas Naives an sich. Die jüngste Aktion, mit ihren weltfremden Aussagen und Forderungen stellt mithin einen vorläufigen Höhepunkt dar.

Lieber BDM! Die Milchpreise werden steigen, nicht nur bei uns, sondern weltweit. Dafür sorgt der von Dir häufig gescholtene Markt. Und wie ich Dich kenne, wirst Du dann erklären, dass dies in erster Linie Deinen Aktivitäten zu verdanken ist, und dass trotzdem die Preise noch immer zu niedrig sind.       
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