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Peter Seeger über Digitalisierung auf dem Hof

Die Agritechnica in Hannover hat uns diesmal ganz besonders gezeigt, was in der Landwirtschaft möglich ist. Viele junge Landwirte bekommen glänzende Augen, wenn die Schlagworte Autotrack, GPS oder Ertragskartierung fallen. Der Nährstoffgehalt von Gülle kann online bei der Ausbringung gemessen und kartografiert werden. Der Einsatz von Pflanzenschutzmittel kann mit der Nennung der Düse und den Wetterdaten hinterlegt in der online Schlagkartei abgelegt werden. Die Industrie 4.0 hält zu Recht auch in der Landwirtschaft mit großen Innovationen Einzug. Schöne neue Arbeitswelt ohne große Probleme also?

Allein im Betriebsmanagement gibt es viele nützliche Features. Angefangen beider elektronischen Stechuhr über das Flottenmanagement in der Häckselkette werden permanent Daten gesammelt, die vorher mühsam per Hand aufgeschrieben werden mussten oder gar nicht zur Verfügung standen. Die Meldung aller Tierbewegungen online und nun auch jeder einzelnen Antibiotikabehandlung eines Tieres sind nur ein kleiner Teil der elektronischen Datensammlung im Stall. Stichtagsmeldungen werden im Browser eingegeben und der Salmonellenstatus des Betriebes ist online abrufbar. Der Servicetechniker der Lüftungsanlage kann von außen auf die Steuerung zugreifen und eine Datensicherung machen. Selbst die Sauenplaner werden teilweise auf einem Server im Rechenzentrum geführt.

Alles toll also, wo ist das Problem?

Nun, zunächst einmal muss klar sein, wem die Daten auf dem Server gehören. Das kann dann zur entscheidenen Frage werden, wenn ich als Betriebsleiter den Anbieter einer Dienstleistung wechseln will. Sind die Daten der Ackerschlagkartei mit den Ertragskarten überhaupt kompatibel, ist eine Frage, die das alltägliche Betriebsmanagement betrifft.

Besonders kritisch ist, dass Betrieb und Landwirt immer transparenter werden. Dies ist sicher auch von uns gewünscht, doch wer soll Zugang zu den Daten haben? Muss ich der Versicherung die Daten der Stechuhr meines Mitarbeiters aus der letzten Woche vor dem Arbeitsunfall zur Verfügung stellen? Kann jede Behörde sicherstellen, dass die Daten geschützt sind? Kaum auszudenken,was passieren würde, wenn die gesamten Daten aus der Antibiotika Datenbank in falsche Hände fallen würden!

Viel heikler finde ich aber die Situation des Menschen in dieser schönen neuen Arbeitswelt. Per Knopfdruck kann ich feststellen, wann ein Mitarbeiter zu spät kam. Von jedem Fahrer der Häckselkette kann nach Jahren noch abgerufen werden, ob er zu schnell an einem Kindergarten vorbeigefahren ist oder ob eine Tierbewegung ein paar Tage zu spät gemeldet wurde. Dies allesvöllig problemlos, ohne viel Aufwand.

Als alles noch in Papierform aufgeschrieben wurde, wurde bei einem Verdacht kontrolliert. Wenn nun jede Verfehlung bei dem Vorgesetzten oder der kontrollierenden Behörde automatisch angezeigt werden kann, ist dies eine schwierige, neue Situation. Dadurch werden die Ansprüche an Vorgesetzte oder Kontrolleure größer, denn mit dem Wissen über die Unregelmäßigkeiten muss man auch umgehen können. Auf der einen Seite ist nicht jeder Datensatz, der rot hinterlegt ist, ist auch wirklich eine Meldung wert. Auf der anderen Seite darf natürlich auch keine wirklich wichtige Information übersehen werden.

Seien wir doch mal ehrlich: technisch wäre es heute problemlos möglich, in jedem Pkw eine Box einzubauen, die jedes Vergehen, ob zu schnell gefahren oder über die rote Ampel, sofort online meldet. Die Strafzettel könnten auch gleich via PayPal bezahlt werden. Aus gutem Grunde gibt es das (noch) nicht.

Meiner Meinung nach brauchen wir in dieser schönen neuen Arbeitswelt eine neue Kultur des Umgangs mit Fehlern. Dies muss in einer gesellschaftlichen Diskussion geführt werden, denn jeder ist im Beruf oder im Privaten betroffen. Denn schon im neuen Testament war Vergebung der Sünden ein wichtiges Thema. Wir kennen alle die Geschichte der Steinigung der Ehebrecherin. Schon damals war das Thema des Umgangs mit Fehlern hoch aktuell.

Sollten wir das Thema Fehlerkultur nicht offensiv angehen, wird der Druck in der Arbeitswelt weiter steigen. Dies hat sicher mehr Burn Outs und Depressionen zur Folge. Zusätzlich werden durch das Hochspielen vieler Kleinigkeiten die Verunsicherung der Bevölkerung durch die Medien geschürt, und der Blick für die wesentlichen Probleme getrübt.
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