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Dr. Jürgen Struck zur Rolle des Agrarsektors in Europa

Leben wir plötzlich in einer neuen Welt oder kehrt Vernunft zurück in den Alltag? Wer die Aussagen prominenter Personen und Institutionen der vergangenen Tage und Wochen aufmerksam verfolgt hat, reibt sich so dann und wann ungläubig die Augen.

So sprach beispielsweise der EU-Kommissar für Energiefragen, Günther Oettinger, kürzlich in Berlin davon, dass in Europa die Industrie sträflich vernachlässigt worden sei. Klimaziele dürften nicht über alles gestellt werden, und „Eisbärenstreichler auf Grönland" würden auch nicht helfen, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Dies war eine Spitze gegen seine Parteichefin Angela Merkel, die sich zum Höhepunkt der Klimadebatte vor einigen Jahren gern vor den Eisbergen Grönlands ablichten ließ. 

Auch neue Überlegungen der EU-Kommission lassen aufhorchen. Dort wird über die Re-Industrialisierung Europas nachgedacht. Bis zum Jahr 2020 soll die „dritte industrielle Revolution" stattfinden, so heißt es nach Presseberichten in einem Strategiepapier der Kommission. Die hohe Bedeutung der Industrie sei in den vergangenen Jahren zu wenig beachtet worden. In dem Papier soll darauf verwiesen werden, dass der Anteil der Industrie an der gesamtwirtschaftlichen Leistung der EU noch vor zehn Jahren bei 22 Prozent gelegen habe. Heute seien es nur noch etwa 15 Prozent. Auf 20 Prozent solle er bis zum Jahr 2020 wieder steigen, so die Absicht. Oettinger nannte Großbritannien als warnendes Beispiel.

Der interessierte Zeitgenosse ist verwirrt und fragt sich, was hinter diesen plötzlichen Sinneswandeln steckt. Die Antwort fällt leicht. Es wird nämlich immer offensichtlicher, dass die über viele Jahre propagierte Dienstleistungsgesellschaft sich als Fata Morgana erweist. Sie bietet nicht die Wertschöpfung, die für funktionierende Sozialsysteme in hochentwickelten Staaten erforderlich ist, schon gar nicht in einem Europa mit anspruchsvollen, teilweise vielleicht sogar überzogenen Zielen.

Was hat Industrie mit dem Agrarsektor zu tun? Nun, eine Menge. Abgesehen davon, dass der Agrarsektor Abnehmer für viele industrielle Produkte ist, erzeugt er ebenfalls Wertschöpfung und ist Basis für den in Europa mit einem Gesamtvolumen von rund 800 Mrd. € riesigen Wirtschaftszweig des Agribusiness. 

Europa tut sich schwer mit geeigneten Maßnahmen auf bekannte oder auch neue Krisensymptome zu antworten. Wenn jetzt die Erkenntnis reift, dass die Bedeutung der sogenannten Realwirtschaft unterschätzt und vernachlässigt wurde, dann ist dies auch positiv für den Agrarsektor. Es ist höchste Zeit, ihn - speziell in Deutschland - nicht ständig als Problemfall darzustellen. Aber auch der Sektor selbst sollte mehr Selbstbewusstsein entwickeln und seine wichtige Rolle im Gefüge von Wirtschaft und Gesellschaft stärker betonen. Bleibt zu hoffen, dass dies auch in der Politik zum Nachdenken anregt. Denn wie der frühere strategische Kopf der CDU, Prof. Kurt Biedenkopf, bereits bemerkte: "Die Realität frisst sich durch".  



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